Uwe Wittstock hat das Präsens gewählt, und so fühlte ich mich bereits ab dem ersten Satz des Buches, bei den Vorgeschichten aus dem Juli 1935, mitten im Geschehen. Als passierte das, was Literaturschaffende, Künstlerinnen und Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus erlebten, genau jetzt, in der Gegenwart – die Leserin, der Leser als Zeugin und Zeuge direkt dabei.
Marseille 1940 erzählt von der Flucht vieler Persönlichkeiten aus Nazi-Deutschland nach Frankreich, unter ihnen Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers, Franz Werfel, Lisa und Hans Fittko und viele andere. In den Kapiteln „Le Désastre“, „Über die Berge“, „Die Villa, das Warten und der Tod“, „Frühjahr in Frankreich“ und „Der lange Abschied“ schreibt Wittstock anschaulich über die Schicksale der Menschen, die vor der Gestapo fliehen und sich vor den immer stärker werdenden Repressalien der hitlernahen Vichy-Regierung Frankreichs von Mai 1940 bis Oktober 1941 weiter in die unbesetzte Zone nach Südfrankreich zurückziehen. Und er schildert die Widrigkeiten und Hindernisse, mit denen diejenigen konfrontiert sind, die den Menschen zur lebensrettenden Flucht verhelfen wollen – vor allem aus der Sicht des Amerikaners Varian Fry und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Doch dabei lässt es Uwe Wittstock nicht bewenden. In „Was danach geschah“ erfahren die Leserinnen und Leser, wie das Leben der achtundzwanzig Persönlichkeiten nach dem Krieg weitergeht – wenn sie sich denn zu denjenigen zählen konnten, die dieses Grauen überlebt haben.
Die Wahl des Präsens, die beeindruckend lange Literaturliste (131 Titel, wenn ich richtig gezählt habe), die schöne Sprache und die Anschaulichkeit, mit der Uwe Wittstock die Ereignisse schildert, machen Marseille 1940 für mich zu einem spannenden und faszinierenden Buch.

Wittrock, Uwe (2026): Marseille 1940. C.H. Beck Paperback, München. 352 S.
