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  • Dear Britain von Annette Dittert

    In elf Kapiteln schreibt Annette Dittert über die britische Monarchie, Mudlarkerinnen in der Themse, die katastrophalen Auswirkungen der Privatisierung der britischen Wasserwerke und das nebulöse Selbstbild der Engländer. Außerdem geht es um die Besonderheiten englischer Gärten, die unsichtbare Armut in Großbritannien, das verrückte House of Lords, die walisischen und schottischen Sehnsüchte nach Unabhängigkeit, traditionelle Gentlemen’s Clubs sowie das einst schrille Soho in London.

    Dass sie viele Jahre als Auslandskorrespondentin für die ARD gearbeitet hat, wird in jedem Kapitel deutlich: gründliche Recherche, eine klare Sprache, interessante Aufhänger sowie zahlreiche Interviewpartnerinnen und -partner, die häufig auch kontroverse Sichtweisen anschaulich zum Ausdruck bringen und zum Nachdenken anregen. Gewürzt ist all das mit eigenen Beobachtungen und Erfahrungen einer Frau, die vor Kurzem ihren Oath of Allegiance auf König Charles und seine Nachfolger abgelegt hat und nun nicht mehr als Deutsche, sondern als britische Staatsbürgerin auf ihrem Hausboot auf der Themse lebt.

    Ich habe Dear Britain sehr gerne gelesen. Annette Dittert gelingt mit ihrer „Suche nach der Seele Großbritanniens“ ein ebenso kenntnisreiches wie persönliches Porträt des Landes. Das Buch hat mir nicht nur zahlreiche neue Einblicke in die britische Geschichte, Politik und Gesellschaft vermittelt, sondern auch große Lust gemacht, Großbritannien – und insbesondere Wales – noch einmal neu zu entdecken.

    Dittert, Annette (2026). Dear Britain.Köln: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG.271 S.

  • Kleines Land von Gaël Faye

    Gaël Faye ist seit Kurzem einer meiner Lieblingsautoren. Dabei ist Kleines Land  erst der zweite Roman, den ich von ihm gelesen habe – es war der Debütroman des 1982 in Burundi geborenen Autors und Sängers.

    Fayes Sprache und Schreibstil finde ich einzigartig. Er schreibt so authentisch, klar und leicht und gleichzeitig eindringlich und wahrhaftig. Großartig!

    Am besten spiegeln das Auszüge aus dem Buch wider. Der erste stammt aus dem Prolog, der zweite aus dem letzten der 31 Kapitel.

    „Ich weiß wirklich nicht, wie die Geschichte angefangen hat. Dabei hat Papa uns das mal im Pick-up erklärt. ‚In Burundi ist es wie in Ruanda, versteht ihr? Da leben drei verschiedene Gruppen, Ethnien heißt das. Hutu gibt es am meisten, die sind klein und haben eine dicke Nase.‘ ‚Wie Damatien?‘, habe ich ihn gefragt. ‚Nein, der ist Zairer, das ist etwas anderes. Wie unser Koch Prothé zum Beispiel. Dann gibt es noch Pygmäen, die Twa. Aber das sind so wenige, dass wir sie vernachlässigen können, sagen wir mal, die zählen nicht. Und dann gibt es die Tutsi, wie eure Mama. Die sind viel weniger als die Hutu, groß und dünn und mit schmaler Nase, und man weiß nie, was sie denken. Du zum Beispiel‘, hat er gesagt und dabei mit dem Finger auf mich gezeigt, ‚du bist so ein typischer Tutsi, Gabriel, bei dir weiß man auch nie, was dir durch den Kopf geht.’“

    „Der Krieg in Bujumbura hatte sich verschärft. Die Anzahl der Opfer war so groß geworden, dass die Lage in Burundi als Schlagzeile in den internationalen Nachrichten auftauchte. Eines Morgens fand Papa im Rinnstein vor Francis‘ Haus die Leiche des gesteinigten Prothé. Das war doch nur ein Boy, sagte Gino, warum ich denn weinte? Als die Armee Kamenge angriff, verlor sich die Spur von Donation. Ob er auch getötet wurde? Oder aus dem Land floh wie so viele andere, im Gänsemarsch, eine Matratze auf dem Kopf, ein Bündel in der einen Hand, die Kinder an der anderen, Ameisen in einem Menschenmeer, das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts die Straßen und Pisten Afrikas überflutete? Ein aus Paris gesandter Minister kam mit zwei Flugzeugen nach Bujumbura, um die französischen Staatsbürger einzuholen. Von einem Tag auf den anderen wurde die Schule geschlossen. Papa schrieb Ana und mich auf die Ausfliegerliste.“

    Faye, Gaël (2019). Kleines Land. München: Piper Verlag. 223 S.

  • Hund Wolf Schakal von Behzad Karim Khani

    Saam, ein junger Mann in Berlin, wird gewalttätig und landet im Gefängnis. Sein jüngerer Bruder Nima, ein talentierter Skateboarder und Gymnasiast, steigt ins Kokaingeschäft ein. Wie kann es dazu kommen?

    Behzad Karim Khani beschreibt in seinem Debütroman Hund, Wolf, Schakal, wie aus zwei Kindern, die gemeinsam mit ihrem Vater Jamshid aus Teheran fliehen, Teenager und schließlich junge Erwachsene werden, die sich in der harten Realität Neuköllns behaupten müssen.

    Das Buch hat mich im doppelten Sinne des Wortes mitgenommen: Ich habe es innerhalb von zwei Tagen durchgelesen. Ronald Düker bringt es in Die Zeit auf den Punkt: „Ein fulminant pathetischer, brutaler und in seiner Fragilität zugleich so schmetterlingshaft schöner Roman.“

    Khani, Behzad Karim (2024). Hund Wolf Schakal. Frankfurt an Main, Fischer Taschenbuch. 285 S.

  • Hier sind Löwen von Katerina Poladjan

    Die Protagonistin Helene Mazavian ist Buchrestauratorin. Sie trägt einen armenischen Nachnamen, weiß jedoch nur wenig über ihre Herkunft mütterlicherseits. Das ändert sich, als sie im Rahmen eines Aufenthalts nach Jerewan reist, um die armenische Buchbindetechnik zu erlernen. Dort entdeckt sie in einer alten Bibel den an den Rand einer Seite gekritzelten Satz: „Hrant will nicht aufwachen.“

    Mit diesem kurzen Satz ist die Leserin oder der Leser mitten im zweiten Erzählstrang des Romans angekommen: Anahid und Hrant sind Geschwister, die 1915 vor dem von den Türken begangenen Völkermord an den Armeniern fliehen. Bis auf ihre Familienbibel haben sie alles verloren.

    Katerina Poladjan verknüpft beide Geschichten gekonnt miteinander und nimmt ihre Leserschaft mit in das heutige Armenien sowie in die Geschichte des Landes im Kaukasus.

    Warum hat die Autorin diesen Titel gewählt? Die Antwort auf diese Frage liefert Piotr de Bończa Bukowski, Professor für germanische Philologie an der Universität Krakau, auf der Website des Goethe-Instituts in Ungarn: „Der Titel des Romans von Katerina Poladjan – Hier sind Löwen – knüpft an die lateinische Formel ‚Hic sunt leones‘ an, mit der antike Kartografen ferne, unbekannte Gebiete bezeichneten.“

    Poladjan, Katarina (2019). Hier sind Löwen. Frankfurt: Fischer Verlag. 288 S

  • Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick vom Rafik Schami

    Eine Hommage zum 80. Geburtstag dieses großartigen Erzählers. Danke, Rafik Schami für dieses bunten, intensiven und lebhaften Erzählungen. Seine Liebe zur Stadt seiner Kindheit beschreibt er gleich auf der ersten Seite: „Es gibt auf der ganzen Welt keinen schöneren Ort als die Altstadt von Damaskus“.

    Aber dieses Buch ist mehr als ein nostalgischer Rückblick. Der Verlag bringt es im Klappentext auf den Punkz: „Achten uns respektieren kann man nur, was man kennt. Rafik Schami will uns aufklären. Er zeigt uns Hintergründe auf, nimmt als politischer Mensch Stellung zu Korruption und Sippenherrschaft in den arabischen Ländern sowie zur oft diffamierten arabischen Kultur in Deutschland.“

    Schami, Rafik (2006). Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick. München, Wien: Carl Hanser Verlag. 253 S.

  • „Versuche, dein Leben zu machen“ von Margot Friedlander mit Malin Schwerdtfeger

    Sehr bewegend! Die Lebensgeschichte von Margot Friedlander habe ich an diesem Wochenende gelesen – ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

    Friedlander, M., & Schwerdtfeger, M. (2025). Versuche, dein Leben zu machen (29. Aufl.). Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag. 267 S.

  • Das Mosaik der Frauen von Rafik Schami

    Er ist ein großer Erzähler. Es gibt nur wenige Bücher von Rafik Schami, die ich nicht gelesen habe. Das Mosaik der Frauen ist sein aktuellstes; erschienen ist es 2026 und all jenen gewidmet, die dem in Damaskus geborenen und in Deutschland lebenden Autor „etwas erzählt haben, als Dank und Ermunterung, weiter zu erzählen“.

    Elf der vierzehn Kapitel des Romans sind nach Frauen benannt. Frauen, die im Leben des Erzählers Nadim Suri eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Doch bevor Nadim Suri, als alter, kranker Mann in einem Heidelberger Krankenhaus liegend, aus seinem Leben berichtet, kommt mit Said Mardini ein weiterer Erzähler zu Wort. Dieser „wird jenen Freitag nicht vergessen. Nach einem vierstündigen Flug von Beirut war er am Frankfurter Flughafen angekommen. Es war der 19. März 1971.“

    Er zieht nach Heidelberg und nimmt dort nach Abschluss seines Studiums „eine spannende und hochdotierte Arbeit“ auf – er ist Simultandolmetscher. Ein Freund, der als Arzt in eben jenem Heidelberger Krankenhaus arbeitet, vermittelt den Kontakt zwischen Said und Nadim. Letzterer erzählt, und Said schreibt das Gehörte nieder.

    Schami, R. (2026) Das Mosaik der Frauen. München: Carl Hanser Verlag. 303 S.

  • Das große Spiel von Richard Powers

    „Wenn wir keine Landlebewesen wären oder zumindest mal in Ruhe einen Globus betrachten würden, wäre uns schnell klar, dass der Name ‚Erde‘ für unseren Heimatplaneten eher ungeeignet ist. ‚Ozean‘, ‚Meer‘ oder ‚Wasser‘ würden besser passen, denn mehr als 70 Prozent der Oberfläche sind von Meeren bedeckt“, schreibt Frauke Fischer, Biodiversitätsexpertin und Dozentin für internationalen Naturschutz an der Universität Würzburg sowie Mitgründerin der Perú Poro GmbH in Frankfurt, in ihrer Kolumne in der Frankfurter Rundschau vom 6. Juni 2026.

    Und genau darum geht es in Richard Powers‘ vielschichtigen und intelligenten Roman Das große Spiel: um das Meer und seine faszinierenden Bewohner, um Entwicklungen auf einer Insel im Südpazifik, um Macht, Einfluss und die Entstehung eines fesselnden Online-Spiels, das das Leben der Menschen nachhaltig prägt.

    Die Hauptprotagonisten sind:
    Rafi Young, amerikanischer Literaturwissenschaftler und Dichter,
    Todd Keane, amerikanischer Softwareentwickler und Multimillionär,
    Ina Aroita, Künstlerin und Tochter einer tamilischen Flugbegleiterin aus Honolulu und eines hawaiianischen Bootsmanns,
    Evelyne Beaulieu, kanadische Meeresforscherin und leidenschaftliche Taucherin,
    sowie Didier Turi, Bürgermeister von Makatea, einer zu Französisch-Polynesien gehörenden Koralleninsel, und einige der weniger als 100 Bewohnerinnen und Bewohner der Insel.

    Ich finde das Buch sehr lesens- und empfehlenswert; wie auch die beiden weiteren Romane Das Echo der Erinnerungen und Klang der Zeit, die ich von diesem Autor bereits gelesen habe. Nach der beeindruckenden Lektüre bleibt für mich jedoch eine Frage offen: Wenn Rafi am 3. August in Urbana an einem Herzinfarkt gestorben ist, wer lebt dann mit Ina und den beiden Kindern auf Makatea? Rafi, der Wiederauferstandene? Oder der Rafi Young, der das Abschiedsgedicht für seinen an der Lewy-Körperchen-Demenz erkrankten und verstorbenen Jugendfreund und Multimillionär Todd Keane verliest?

    Powers, R. (2024) Das große Spiel. München: Penguin Verlag. 509 S.

  • Bolivianisches Tagebuch von Ernesto Che Guevara

    Er war ein eifriger Tagebuchschreiber. Das Bolivianische Tagebuch war sein letztes. Es endet mit dem folgenden Eintrag vom 7. Oktober 1967: „Ohne Komplikationen und idyllisch verging der Tag, an dem wir vor 11 Monaten unsere Guerillaaktivitäten begannen; bis um 12.30 Uhr, als eine ihre Ziege hütende Alte

    (Fußnote: Epifania Cabrera, 1967 bereits sehr alt und mittlerweile verstorben, war keine Verräterin, denn sie sprach zu keinem Zeitpunkt mit Armeeangehörigen. Sie zog sich mit ihren zwei Töchtern in die Berge zurück, aus Angst vor Repressalien der Armee, da sie die Guerilleros gut behandelt und von ihnen auch Geld erhalten hatte. Der Denunziant war Petri Peña, der mit dem Gemeindeältesten von La Higuera, Aníbal Quiroga, gesprochen hatte und dann die Armee informierte)

    in die Schlucht kam, in der wir lagerten; wir mussten sie festnehmen. … Unser Rückzugsgebiet läge zwischen den Flüssen Acero und Ort. Die Nachricht – so scheint es – soll uns irreführen. h = 2.000 m“

    Bevor ich dieses Buch gelesen habe, wusste ich nicht viel über Che Guevara: ein bärtiger, Pfeife rauchender Revolutionär mit lockigem Haar, der auf Kuba Seite an Seite mit Fidel Castro für die Unabhängigkeit des Inselstaates gekämpft hat. Was ich nicht wusste: Der charismatische Revolutionär wurde im Alter von 39 Jahren von bolivianischen Soldaten erschossen, hatte neben Kuba und Bolivien auch im Kongo für die marxistisch-leninistische Revolution gekämpft, war Mediziner, genauer Chirurg, hatte vier Kinder, war zweimal verheiratet und litt unter Asthma.

    Die täglichen Tagebucheinträge in Bolivien halten für die Nachwelt fest, was Che Guevara und die kleine Gruppe von Revolutionären aus Kuba, Venezuela, Frankreich, der DDR und Bolivien erleben, „auf den langen Märschen durch zerfurchtes und schwieriges Gelände, inmitten der feuchten Wälder“ – so formuliert es Fidel Castro. Ich gebe zu, dass ich so manchen dieser Einträge nur sehr oberflächlich gelesen habe. Zu detailliert waren mir die Beschreibungen der Guerillahinterhalte sowie die vielen Namen der beteiligten Personen. Letztere werden allerdings gut in Fußnoten und im Personenregister im Anhang ausführlich erläutert.

    Von Ernesto Che Guevara sind fünf Tagebücher erschienen. The Motocycle Diary, das er 1951–1952 auf einer Reise durch Lateinamerika geschrieben hat, reizt mich zu lesen. Hier hat der aus gutem bürgerlichem Hause in Argentinien Stammende erlebt, unter welchen – zum Teil prekären Lebensumständen – Menschen in Südamerika lebten. Erfahrungen, die sein späteres Leben als sozialistischer Revolutionär offenbar sehr geprägt haben.

  • Mr. Goebbels Jazz Band von Demian Lienhard

    „Germany Calling“ war ein englischsprachiger Propagandasender des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, der 1940 von Josef Goebbels in Berlin gegründet wurde. Sein bekanntester Sprecher war William Joyce, genannt „Lord Haw-Haw“, ein amerikanisch-irischer Faschist, der mit seinem affektierten britischen Akzent eine große Zuhörerschaft in Großbritannien und Irland erreichte. Viele hörten zu, in der Hoffnung auf Nachrichten von ihren im Krieg befindlichen Familienangehörigen, denn Kriegsgefangene konnten über diesen Sender Grüße an die Daheimgebliebenen senden, die auf ein Lebenszeichen warteten.

    Der besondere Clou: Ein von Adolf Raskin, Musikwissenschaftler und Radiointendant im Dienst der Nazis, gegründetes Jazzorchester. „Ein hauseigenes Orchester, sozusagen eine musikalische Schattenarmee, müsse her, die in der Lage sei, die Briten tag und nacht mit dem allerfeinsten Propagandajazz zu bombardieren.“ Und genau von dieser Swing-Band erzählt Demian Lienhard mit „… viel Witz und Ironie, mit Sinn für Details. Ein verrücktes Buch, das überrascht, bildet und die Wirkung und den Widersinn von Propaganda in feiner und präziser Sprache vorführt“, befindet WDR5 auf dem Klappentext sehr treffend.

    „Lord Haw-Haw“, der eingangs erwähnte Radiosprecher, wird, so erfahren die Leserinnen und Leser in den Schlussbemerkungen des Herausgebers Demian Linhard, hingerichtet: „Am 3. Januar 1946, einem grauen, verregneten Tag mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, wird William Joyce um 08:59 Uhr von drei Männern aus seiner Zelle in der Londoner Strafanstalt Wandsworth geholt und zum Galgen eskortiert, wo jene Strafe an ihm vollstreckt wird, die zuletzt auch die höchste Instanz im Land, das House of Lords, bestätigt hat: Tod wegen Hochverrats. Neun Minuten später wird am Hauptportal des Gefängnisses der Zettel mit jener Nachricht angeschlagen, auf die die rund dreihundert Schaulustigen bereits ungeduldig warten: William Joyce ist tot.“

  • Issa von Mirrianne Mahn

    Marrijoh wird 1903 in Enanga, Kamerun, geboren. Sie ist die Ururgroßmutter der Ich-Erzählerin Issa, die 2006 in der fünften Schwangerschaftswoche in ein Air-France-Flugzeug steigt, das sie nach Duala bringen wird. Zu dieser Reise hat sie ihre Mutter gedrängt, um vor der Geburt ihres ersten Kindes einige Rituale abzuschließen, die – so die starke Mutter – eine Frau vor der Geburt ihres ersten Kindes unbedingt abschließen müsse.

    Und so nimmt Mirrianne Mahn ihre Leserinnen und Leser mit nach Kamerun. In einem Kapitel erfahren wir, was Issa 2006 in ihrem zentralafrikanischen Geburtsland erlebt, denkt und fühlt; im folgenden Kapitel reisen wir zurück in das Leben ihrer Vorfahrinnen in der von den Deutschen unterdrückten Kolonie Kamerun und die Auswirkungen der beiden Weltkriege auf das Land, das 1960 seine Unabhängigkeit erlangte. Nach dem Ersten Weltkrieg ging Kamerun in den Besitz des Völkerbundes über, der ein Mandat zur Verwaltung des Landes an Frankreich und Großbritannien vergab. Daher hat Kamerun bis heute mit Französisch und Englisch zwei Amtssprachen, neben dem kamerunischen Pidgin-Englisch und Camfranglais.

    Mir gefiel nicht nur Mirriane Mahns flüssig-lockerer Schreibstil sehr gut, sondern auch die Geschichte ihrer Protagonistin sowie die ihrer Ahninnen – mit, so nehme ich an, starken autobiografischen Zügen – haben mich in den Bann gezogen. Ein sehr lesenswerter Roman.

  • Jacaranda von Gaël Faye

    In Frankreich ist dieser Roman bereits 2024 erschienen. Der Autor Gaël Faye wurde für Jacaranda mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet. Ich habe gestern Nachmittag die ersten Seiten dieses Buches, das nun auch auf Deutsch erschienen ist, gelesen und keine vierundzwanzig Stunden verstreichen lassen können, ohne es zu Ende zu lesen.

    Jacaranda sollte mit allen Literaturpreisen ausgezeichnet werden, die diese Welt zu bieten hat; das Buch sollte in jedem Schulcurriculum stehen. Ich bin zutiefst erschüttert und habe nach der Lektüre eine Ahnung davon bekommen, welche Gräueltaten Menschen wie du und ich begehen können.

    Durch seinen Ich-Erzähler Milan, der Stück für Stück die Geschichte des mütterlichen Teils seiner Familie erfährt, nimmt die Leserin/der Leser Anteil am Genozid an den Tutsi in Ruanda und Burundi und lernt zu begreifen, welche Auswirkungen der Völkermord auch auf die nach 1994 Geborenen hat. Gleichzeitig schafft Gaël Faye es durch seine Romanfiguren, große Zuversicht zu vermitteln. Diese lässt hoffen und gibt eine erleichternde Gewissheit, dass wir Menschen eine fast unmenschlich wirkende Fähigkeit entwickeln, trotz grausamster Erlebnisse diese aufzuarbeiten, weiterzuleben, zu vergeben und zu lieben.

    Ein großartiger Roman.