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  • Die Insel der Schimpansen von John Ironmonger

    Gaffa, Hootha, Nixon, Milo und wir haben gemeinsame Vorfahren. Die ersten vier, von denen dieser Roman von John Ironmonger, einem promovierten Zoologen, handelt, sind Schimpansen und Teil einer großen Schimpansenpopulation auf einer kleinen Insel vor der Küste Tansanias.

    Angel Restorick ist Profiturnerin. Sie lebt und trainiert in St. Piran an der Küste Cornwalls. An der Universität beschäftigt sie sich mit Menschenaffen, insbesondere mit Schimpansen. Diese hat sie lange Zeit in einer Primatenrettungsstation in der Nähe ihres Heimatortes intensiv beobachtet.

    Die Frage, ob die Menschenaffen und wir, die Menschen, noch mehr gemeinsam haben, als „nur“ zirka 95 Prozent unserer DNA, steht im Raum. Angels bahnbrechendste Beobachtung vertraut sie Timothy an, einem Biologen, der in Tansania forscht: „Sie reden.“

    „Vielleicht ist Reden nicht das richtige Wort. Aber wenn man das, was zwei taubstumme Menschen mit Zeichensprache machen, als Reden bezeichnet, dann …“

    „Zum Beispiel so.“ Angel schnaubte.

    „Unglücklich“, sagte Timothy. „Das bedeutet: Ich bin unglücklich.“

    „Nicht bei meinen Schimpansen. In meiner Gruppe heißt es: Ich bin hungrig.“

    „Bei meinen Schimpansen heißt hungrig das hier …“ Der Biologe machte einen Buckel und stieß ein Brummen aus. „Und Pflege mein Fell ist das.“ Er riss die Augen auf, schnalzte mit der Zunge und machte eine bürstende Bewegung mit der Hand.

    „Das habe ich nicht beobachten können“, sagte sie. „Aber das hier.“ Sie machte einen Schmollmund, wackelte mit dem Kopf und schmatzte.

    Als Turnerin ist Angel dafür prädestiniert, auf Bäume zu klettern. So wird sie Teil einer kleinen Forschergruppe auf der oben genannten tansanischen Insel. Sie beobachtet Schimpansen in freier Wildbahn und teilt sich mit ihnen den bodenfernen Lebensraum im Dschungel. Eine Vorstellung, die mich sehr fasziniert. Angels Erlebnisse mit den Menschenaffen und ihre gemeinsame Art zu kommunizieren waren ebenfalls ausgesprochen spannend zu lesen

    Später wird der Roman richtig spannend – ich las immer schneller und war froh, dass am Ende doch alles einigermaßen gut ausgeht, auch wenn einige Schimpansen und Menschen ihr Leben lassen müssen.

    Vielleicht war es zum Schluss für meinen Geschmack doch ein wenig zu viel des Guten, ganz im Sinne eines Deus ex machina. Zugegeben: Ich habe mir gewünscht, dass Angel, die Forscher, die Schimpansen und die Natur – also die „Guten“ – gewinnen und die Großwildjäger, die Superreichen und die nach Ruhm und Geld Gierigen – also die „Bösen“ – verlieren. Und so kommt es letztendlich auch. Doch das geht Schlag auf Schlag, endet tödlich und entfernt sich dadurch vielleicht zu weit von der Realität.

    Trotzdem: Ein lesenswerter Roman.

    Ironmonger, John (2026): Die Insel der Schimpansen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt. M., 415 S..

  • Das Geheimnis der Eulerschen Formel von Yoko Ogawa

    Ein Professor, der Primzahlen liebt, eine junge Frau, die über die Akebono-Haushaltsservice-Agentur für ihn arbeitet, und ihr zehnjähriger Sohn, der Root genannt wird, da sein flacher Kopf an das Dach des mathematischen Wurzelzeichens erinnert, sind die drei Protagonisten dieses Romans.

    Das Fachgebiet des Professors ist die Mathematik. Genauer: Es war es, denn bei einem Unfall wurde sein Kurzzeitgedächtnis geschädigt. Nach genau achtzig Minuten kann er sich an nichts mehr erinnern. Kleine Zettel, die er an unterschiedlichen Stellen seines abgewetzten Anzugs befestigt, sollen ihm bei Bedarf auf die Sprünge helfen. Eine dieser Notizen lautet: „Meine Erinnerung dauert nur 80 Minuten“, eine andere: „Neue Haushälterin (+ eine Skizze) und ihr zehnjähriger Sohn“.

    Der Professor liebt Primzahlen und solche, die befreundet sind. „Schauen Sie sich diese herrliche Zahlenfolge an! Die Summe der Teiler von 220 – außer der Zahl selbst – beträgt 284. Und die Summe der Teiler von 284 ist 220. Das sind befreundete Zahlen. Sie kommen äußerst selten vor. Fermat und Descartes haben jeder nur ein Paar gefunden. Es sind Zahlen, die mittels einer göttlichen Fügung miteinander verknüpft sind.“

    Die neue Haushälterin gewöhnt sich schnell an die Skurrilität des alten Mannes und beginnt, sich für Zahlenfolgen und mathematische Formeln zu interessieren. Keine der über die oben genannte Agentur von der Schwägerin des Professors engagierten Hausdamen hat es länger ausgehalten. Die Ich-Erzählerin schließt den Professor ebenso ins Herz und fühlt sich schon bald nicht nur für seine Wohnung und Verpflegung, sondern auch für sein Wohlergehen verantwortlich.

    Letzteres steigt ungemein, nachdem Root seine Nachmittage nach der Schule nicht mehr allein zu Hause, sondern auf Wunsch des Professors am Arbeitsplatz seiner Mutter verbringt. Auch er begeistert sich bald für Zahlen und knifflige Rätsel. Darüber hinaus mögen alle drei Baseball. Keiner spielt selbst, aber sie hören die Spiele zusammen und besuchen sogar einmal zu dritt ein Spiel im Stadion.

    Eigentlich könnte es immer so weitergehen. Doch die Schwägerin des Professors trifft eine Entscheidung, die dem harmonischen Miteinander zu dritt ein ziemlich abruptes Ende beschert.

    Eine liebenswerte Geschichte, die auch mir Zahlen nahegebracht hat.

    Ogawa, Y. (2024), Das Geheimnis der Eulerschen Formel. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München, 250 S.

  • Ochsenkopf von Manik Sarkar

    Rensing ist Fleischer, sehr talentiert in seinem Metier und jemand, der sich für einen außergewöhnlichen Tod entscheidet. Aber dazu kommt es erst im letzten Kapitel dieses 172-seitigen Romans von Manik Sarkar, einem Dozenten an einer Übersetzer-Fachschule in Amsterdam, der seinen ersten Roman „allen sturen Ochsenköpfen“ gewidmet hat.

    Ochsenkopf Rensing ist Dorfmetzgersohn und -enkel und besucht die Fleischerfachschule in Leeuwarden. Meyer Tjalling, seinem Lehrer für Schlachtung und Fleischverarbeitung, fällt die besondere Begabung seines Azubis auf: „Meyer Tjalling, ein massiger Mann, den so leicht nichts ins Wanken brachte, war kein Träumer, nie gewesen, aber wenn dieser Junge mit dem Damaststahl hantierte, wenn er präzise die dicke Sehne vom Schambein und die Häute vom Kugelgelenk löste, dann wusste man, hier vollzog sich etwas Besonderes.“

    Und so setzt sich dieser Lehrer auch persönlich bei seinen Kollegen de Vries (Buchhaltung), Zwezerijen (Handelskunde) und Rüngelohr (Werbung und Verkaufsförderung), den weiteren Mitgliedern der Prüfungskommission, dafür ein, dass Rensing letztendlich als ausgebildeter Fleischer in sein Heimatdorf zurückkehrt. Dort überreicht ihm sein Vater das große Handbuch für den Fleischer. „Exakt achthundert Seiten, mit einem Vorwort des Ministers für Landwirtschaft, Fischerei und Lebensmittelsicherheit. Ehrfürchtig blätterte er es durch, darauf bedacht, dass der Rücken nicht brach.“

    Dieses in junges, weinrotes Kalbsleder gebundene Buch wird Rensings Wegbegleiterin in den nun kommenden Jahren. Nach dem Tod seines Vaters übernimmt er die Metzgerei und versucht, seine neuen Ideen umzusetzen und an seinem Qualitätsanspruch festzuhalten. Derweil verändert sich die Welt und auch das Einkaufs- und Essverhalten der Menschen. Der erste Supermarkt eröffnet im Dorf. Im Schaufenster: „ANGEBOT GEHACKTES HALB UND HALB JETZT NUR F 1,99/PFUND“ steht auf dem Schild.

    Die Jahre ziehen ins Land. Rensing heiratet Jacomine, sie trennt sich von ihm, Fleischersatzprodukte werden trendy. Wie geht es mit der Dorfmetzgerei weiter? Das erfahren die Leserinnen und Leser ebenso wie das überraschende Ende des sturen und besonderen Protagonisten dieses mit viel Verve geschriebenen Romans. Auf weitere Veröffentlichungen dieses Autors warte ich gespannt.


    Sarkar, M. (2026): Ochsenkopf. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 172 S.

  • Das Wesen der Dinge und der Liebe von Elizabeth Gilbert

    Der 699-seitige Roman beginnt in rasantem Tempo. Der junge Henry Whittaker, 1760 unweit von London in ärmlichen Verhältnissen geboren, interessiert sich für Bäume. Sein Vater ist Obstgärtner in einem botanischen Garten. Von ihm lernt der junge Henry so viel, dass ihn der Direktor des renommierten botanischen Gartens – statt ihn wegen eines Diebstahls an den Galgen zu bringen – auf Entdeckungsreise schickt. Und so reist der resolute Junge schließlich auf der Resolutionmit Kapitän Cook nach Tasmanien, Neuseeland und Hawaii, wo zwar das Leben Cooks endet, nicht jedoch die Neugier und das botanische Wissen Henry Whittakers.

    Dieser erlangt durch Pflanzenhandel großen Reichtum und erwirbt, inzwischen mit einer Holländerin verheiratet, in Philadelphia ein großes Anwesen. Dort, auf White Acre, gedeihen Pflanzen aus der ganzen Welt, und inmitten dieser Pflanzenpracht wächst Alma, die Tochter von Beatrix und Henry Whittaker, auf. Das Mädchen ist klug und wissbegierig. Bald weiß sie so viel über Pflanzen, dass sie wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Ihre besondere Vorliebe gilt den Moosen, und so wird Alma eine bekannte Bryologin. Es versteht sich von selbst, dass sie ihre ersten wissenschaftlichen Abhandlungen über die anpassungsfähigen Moose aufgrund ihres Geschlechts nicht als Alma, sondern lediglich als A. Whittaker veröffentlichen kann.

    Nachdem Alma White Acre schließlich verlässt, lässt die Autorin die Leserinnen und Leser zusammen mit Alma nach Tahiti und schließlich nach Amsterdam reisen. Dort lebt Alma fortan im Kreise der Familie ihrer Mutter. Der Roman verliert hier an Geschwindigkeit; ruhig und unaufgeregt erzählt Elizabeth Gilbert vom Leben ihrer Protagonistin.

    1859 veröffentlich Charles Darwin in England sein Hauptwerk Die Entstehung der Arten, das grundlegende Werk der Evolutionsbiologie. Alma ist fasziniert von Darwins Erkenntnissen. Sie lädt einen jüngeren Forscher nach Amsterdam ein, in dem sie einen Bruder im Geiste erkennt und der sich mit Darwin persönlich über die Evolutionstheorie ausgetauscht hat. beide sind unabhängig von Darwin zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt: Sie waren zu dritt…


    Gilbert, E. (2023): Das Wesen der Dinge und der Liebe. Fischer TASCHENBUCH, Frankfurt am Main, 699 S.

  • Marseille 1940 von Uwe Wittstock

    Uwe Wittstock hat das Präsens gewählt, und so fühlte ich mich bereits ab dem ersten Satz des Buches, bei den Vorgeschichten aus dem Juli 1935, mitten im Geschehen. Als passierte das, was Literaturschaffende, Künstlerinnen und Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus erlebten, genau jetzt, in der Gegenwart – die Leserin, der Leser als Zeugin und Zeuge direkt dabei.

    Marseille 1940 erzählt von der Flucht vieler Persönlichkeiten aus Nazi-Deutschland nach Frankreich, unter ihnen Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers, Franz Werfel, Lisa und Hans Fittko und viele andere. In den Kapiteln „Le Désastre“, „Über die Berge“, „Die Villa, das Warten und der Tod“, „Frühjahr in Frankreich“ und „Der lange Abschied“ schreibt Wittstock anschaulich über die Schicksale der Menschen, die vor der Gestapo fliehen und sich vor den immer stärker werdenden Repressalien der hitlernahen Vichy-Regierung Frankreichs von Mai 1940 bis Oktober 1941 weiter in die unbesetzte Zone nach Südfrankreich zurückziehen. Und er schildert die Widrigkeiten und Hindernisse, mit denen diejenigen konfrontiert sind, die den Menschen zur lebensrettenden Flucht verhelfen wollen – vor allem aus der Sicht des Amerikaners Varian Fry und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

    Doch dabei lässt es Uwe Wittstock nicht bewenden. In „Was danach geschah“ erfahren die Leserinnen und Leser, wie das Leben der achtundzwanzig Persönlichkeiten nach dem Krieg weitergeht – wenn sie sich denn zu denjenigen zählen konnten, die dieses Grauen überlebt haben.

    Die Wahl des Präsens, die beeindruckend lange Literaturliste (131 Titel, wenn ich richtig gezählt habe), die schöne Sprache und die Anschaulichkeit, mit der Uwe Wittstock die Ereignisse schildert, machen Marseille 1940 für mich zu einem spannenden und faszinierenden Buch.

    Wittrock, Uwe (2026): Marseille 1940. C.H. Beck Paperback, München. 352 S.

  • Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt von Jegana Dschabbarowa

    Die Ich-Erzählerin merkt schnell, dass sie in Russland nicht dazugehört. Aber auch in Aserbaidschan, dem Land ihrer Eltern, in dem ihre Familie regelmäßig die Sommerferien verbringt, ist sie eine Fremde. Ihr Aserbaidschanisch ist nicht fließend genug, um als „wahre“ Tochter des Landes anerkannt zu werden.

    Jegana Dschabbarowa erzählt in ihrem Debütroman von Diskriminierung und Fremdenhass, die sie als Mädchen und junge Frau in einer sehr konservativen und stark patriarchalisch geprägten Gesellschaft erlebt hat. Und von den vielen Erwartungen, die an junge Frauen gestellt werden.

    Interessant ist auch die Erzählweise, die die Autorin gewählt hat: Anhand von Körperteilen wie Augenbrauen, Augen, Haaren, Mund oder Schultern beschreibt sie anschaulich, welche Konventionen ihre Familie und die Gesellschaft als selbstverständlich ansehen, und zeigt auf, wie sie diese hinterfragt. Deutlich wird das bereits in den ersten Sätzen des Romans: „Der ovale Spiegel warf zwei große, dichte, schwarze Augenbrauen zurück, die gemäß Mutters striktem Verbot nicht gezupft werden durften. Und zwar nicht nur, weil Allah seinen Geschöpfen untersagt, irgendetwas an ihren Körpern zu verändern, sondern auch, weil ich nicht verheiratet war.“

    Gleichzeitig nutzt die Autorin die Gliederung der Kapitel nach Körperteilen, um ihre Erkrankung – eine generalisierte Dystonie – zu thematisieren, die sich in starken Lähmungserscheinungen im gesamten Körper und heftigen Schmerzen äußert. Eine Erkrankung, die ihre Eltern lange nicht wahrhaben wollen, da sie das „zweifellos wichtigste Ereignis im Leben eines jeden aserbaidschanischen Mädchens“, die Hochzeit der Tochter, in immer weitere Ferne rücken lässt.

    Jegana Dschabbarowa hat sich unlängst für einen ganz anderen Lebensweg entschieden, der mit den Vorstellungen ihrer Familie kaum deutlicher widersprechen könnte: Zusammen mit ihrer Frau lebt sie seit einigen Jahren in Hamburg.

    Dschabbarowa, Jegana (2026): De Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt. Lizenzausgabe für die Mitglieder der Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main, Leipzig, Wien. 139 S.

  • Dorothy will bleiben von Sandi Toksvig

    Dieser unterhaltsame Roman liest sich so „wech“ – wie man im Norden sagt. Die Handlung ist schnell erzählt: Stevie und Amber, ein junges Paar, kaufen sich ein Haus in London. Doch am Tag ihres Einzugs erwartet die beiden eine Überraschung: Auf einem roten Sofa im ersten Stock sitzt Dorothy, die ehemalige Besitzerin des Hauses – und denkt gar nicht daran auszuziehen.

    Aus dieser skurrilen Ausgangssituation entwickelt sich eine humorvolle Geschichte voller überraschender Wendungen. „MAD; BAD; SAD and GLAD – Sandi Toksvigs Roman bringt frischen Wind und macht unglaublich Spaß!“, urteilt die Sunday Times. Dem kann ich mich uneingeschränkt anschließen. Ein tolles Buch!

    Toksvig, Sandi (2026). Dorothy will bleiben. Lizenzausgabe für die Mitglieder der Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main, Leipzig, Wien und Zürich. 427 S.

  • Dear Britain von Annette Dittert

    In elf Kapiteln schreibt Annette Dittert über die britische Monarchie, Mudlarkerinnen in der Themse, die katastrophalen Auswirkungen der Privatisierung der britischen Wasserwerke und das nebulöse Selbstbild der Engländer. Außerdem geht es um die Besonderheiten englischer Gärten, die unsichtbare Armut in Großbritannien, das verrückte House of Lords, die walisischen und schottischen Sehnsüchte nach Unabhängigkeit, traditionelle Gentlemen’s Clubs sowie das einst schrille Soho in London.

    Dass sie viele Jahre als Auslandskorrespondentin für die ARD gearbeitet hat, wird in jedem Kapitel deutlich: gründliche Recherche, eine klare Sprache, interessante Aufhänger sowie zahlreiche Interviewpartnerinnen und -partner, die häufig auch kontroverse Sichtweisen anschaulich zum Ausdruck bringen und zum Nachdenken anregen. Gewürzt ist all das mit eigenen Beobachtungen und Erfahrungen einer Frau, die vor Kurzem ihren Oath of Allegiance auf König Charles und seine Nachfolger abgelegt hat und nun nicht mehr als Deutsche, sondern als britische Staatsbürgerin auf ihrem Hausboot auf der Themse lebt.

    Ich habe Dear Britain sehr gerne gelesen. Annette Dittert gelingt mit ihrer „Suche nach der Seele Großbritanniens“ ein ebenso kenntnisreiches wie persönliches Porträt des Landes. Das Buch hat mir nicht nur zahlreiche neue Einblicke in die britische Geschichte, Politik und Gesellschaft vermittelt, sondern auch große Lust gemacht, Großbritannien – und insbesondere Wales – noch einmal neu zu entdecken.

    Dittert, Annette (2026). Dear Britain. Köln: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG. 271 S.

  • Kleines Land von Gaël Faye

    Gaël Faye ist seit Kurzem einer meiner Lieblingsautoren. Dabei ist Kleines Land  erst der zweite Roman, den ich von ihm gelesen habe – es war der Debütroman des 1982 in Burundi geborenen Autors und Sängers.

    Fayes Sprache und Schreibstil finde ich einzigartig. Er schreibt so authentisch, klar und leicht und gleichzeitig eindringlich und wahrhaftig. Großartig!

    Am besten spiegeln das Auszüge aus dem Buch wider. Der erste stammt aus dem Prolog, der zweite aus dem letzten der 31 Kapitel.

    „Ich weiß wirklich nicht, wie die Geschichte angefangen hat. Dabei hat Papa uns das mal im Pick-up erklärt. ‚In Burundi ist es wie in Ruanda, versteht ihr? Da leben drei verschiedene Gruppen, Ethnien heißt das. Hutu gibt es am meisten, die sind klein und haben eine dicke Nase.‘ ‚Wie Damatien?‘, habe ich ihn gefragt. ‚Nein, der ist Zairer, das ist etwas anderes. Wie unser Koch Prothé zum Beispiel. Dann gibt es noch Pygmäen, die Twa. Aber das sind so wenige, dass wir sie vernachlässigen können, sagen wir mal, die zählen nicht. Und dann gibt es die Tutsi, wie eure Mama. Die sind viel weniger als die Hutu, groß und dünn und mit schmaler Nase, und man weiß nie, was sie denken. Du zum Beispiel‘, hat er gesagt und dabei mit dem Finger auf mich gezeigt, ‚du bist so ein typischer Tutsi, Gabriel, bei dir weiß man auch nie, was dir durch den Kopf geht.’“

    „Der Krieg in Bujumbura hatte sich verschärft. Die Anzahl der Opfer war so groß geworden, dass die Lage in Burundi als Schlagzeile in den internationalen Nachrichten auftauchte. Eines Morgens fand Papa im Rinnstein vor Francis‘ Haus die Leiche des gesteinigten Prothé. Das war doch nur ein Boy, sagte Gino, warum ich denn weinte? Als die Armee Kamenge angriff, verlor sich die Spur von Donation. Ob er auch getötet wurde? Oder aus dem Land floh wie so viele andere, im Gänsemarsch, eine Matratze auf dem Kopf, ein Bündel in der einen Hand, die Kinder an der anderen, Ameisen in einem Menschenmeer, das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts die Straßen und Pisten Afrikas überflutete? Ein aus Paris gesandter Minister kam mit zwei Flugzeugen nach Bujumbura, um die französischen Staatsbürger einzuholen. Von einem Tag auf den anderen wurde die Schule geschlossen. Papa schrieb Ana und mich auf die Ausfliegerliste.“

    Faye, Gaël (2019). Kleines Land. München: Piper Verlag. 223 S.

  • Hund Wolf Schakal von Behzad Karim Khani

    Saam, ein junger Mann in Berlin, wird gewalttätig und landet im Gefängnis. Sein jüngerer Bruder Nima, ein talentierter Skateboarder und Gymnasiast, steigt ins Kokaingeschäft ein. Wie kann es dazu kommen?

    Behzad Karim Khani beschreibt in seinem Debütroman Hund, Wolf, Schakal, wie aus zwei Kindern, die gemeinsam mit ihrem Vater Jamshid aus Teheran fliehen, Teenager und schließlich junge Erwachsene werden, die sich in der harten Realität Neuköllns behaupten müssen.

    Das Buch hat mich im doppelten Sinne des Wortes mitgenommen: Ich habe es innerhalb von zwei Tagen durchgelesen. Ronald Düker bringt es in Die Zeit auf den Punkt: „Ein fulminant pathetischer, brutaler und in seiner Fragilität zugleich so schmetterlingshaft schöner Roman.“

    Khani, Behzad Karim (2024). Hund Wolf Schakal. Frankfurt an Main, Fischer Taschenbuch. 285 S.

  • Hier sind Löwen von Katerina Poladjan

    Die Protagonistin Helene Mazavian ist Buchrestauratorin. Sie trägt einen armenischen Nachnamen, weiß jedoch nur wenig über ihre Herkunft mütterlicherseits. Das ändert sich, als sie im Rahmen eines Aufenthalts nach Jerewan reist, um die armenische Buchbindetechnik zu erlernen. Dort entdeckt sie in einer alten Bibel den an den Rand einer Seite gekritzelten Satz: „Hrant will nicht aufwachen.“

    Mit diesem kurzen Satz ist die Leserin oder der Leser mitten im zweiten Erzählstrang des Romans angekommen: Anahid und Hrant sind Geschwister, die 1915 vor dem von den Türken begangenen Völkermord an den Armeniern fliehen. Bis auf ihre Familienbibel haben sie alles verloren.

    Katerina Poladjan verknüpft beide Geschichten gekonnt miteinander und nimmt ihre Leserschaft mit in das heutige Armenien sowie in die Geschichte des Landes im Kaukasus.

    Warum hat die Autorin diesen Titel gewählt? Die Antwort auf diese Frage liefert Piotr de Bończa Bukowski, Professor für germanische Philologie an der Universität Krakau, auf der Website des Goethe-Instituts in Ungarn: „Der Titel des Romans von Katerina Poladjan – Hier sind Löwen – knüpft an die lateinische Formel ‚Hic sunt leones‘ an, mit der antike Kartografen ferne, unbekannte Gebiete bezeichneten.“

    Poladjan, Katarina (2019). Hier sind Löwen. Frankfurt: Fischer Verlag. 288 S

  • Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick vom Rafik Schami

    Eine Hommage zum 80. Geburtstag dieses großartigen Erzählers. Danke, Rafik Schami für dieses bunten, intensiven und lebhaften Erzählungen. Seine Liebe zur Stadt seiner Kindheit beschreibt er gleich auf der ersten Seite: „Es gibt auf der ganzen Welt keinen schöneren Ort als die Altstadt von Damaskus“.

    Aber dieses Buch ist mehr als ein nostalgischer Rückblick. Der Verlag bringt es im Klappentext auf den Punkz: „Achten uns respektieren kann man nur, was man kennt. Rafik Schami will uns aufklären. Er zeigt uns Hintergründe auf, nimmt als politischer Mensch Stellung zu Korruption und Sippenherrschaft in den arabischen Ländern sowie zur oft diffamierten arabischen Kultur in Deutschland.“

    Schami, Rafik (2006). Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick. München, Wien: Carl Hanser Verlag. 253 S.