Kategorie: USA

  • Das Wesen der Dinge und der Liebe von Elizabeth Gilbert

    Der 699-seitige Roman beginnt in rasantem Tempo. Der junge Henry Whittaker, 1760 unweit von London in ärmlichen Verhältnissen geboren, interessiert sich für Bäume. Sein Vater ist Obstgärtner in einem botanischen Garten. Von ihm lernt der junge Henry so viel, dass ihn der Direktor des renommierten botanischen Gartens – statt ihn wegen eines Diebstahls an den Galgen zu bringen – auf Entdeckungsreise schickt. Und so reist der resolute Junge schließlich auf der Resolutionmit Kapitän Cook nach Tasmanien, Neuseeland und Hawaii, wo zwar das Leben Cooks endet, nicht jedoch die Neugier und das botanische Wissen Henry Whittakers.

    Dieser erlangt durch Pflanzenhandel großen Reichtum und erwirbt, inzwischen mit einer Holländerin verheiratet, in Philadelphia ein großes Anwesen. Dort, auf White Acre, gedeihen Pflanzen aus der ganzen Welt, und inmitten dieser Pflanzenpracht wächst Alma, die Tochter von Beatrix und Henry Whittaker, auf. Das Mädchen ist klug und wissbegierig. Bald weiß sie so viel über Pflanzen, dass sie wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Ihre besondere Vorliebe gilt den Moosen, und so wird Alma eine bekannte Bryologin. Es versteht sich von selbst, dass sie ihre ersten wissenschaftlichen Abhandlungen über die anpassungsfähigen Moose aufgrund ihres Geschlechts nicht als Alma, sondern lediglich als A. Whittaker veröffentlichen kann.

    Nachdem Alma White Acre schließlich verlässt, lässt die Autorin die Leserinnen und Leser zusammen mit Alma nach Tahiti und schließlich nach Amsterdam reisen. Dort lebt Alma fortan im Kreise der Familie ihrer Mutter. Der Roman verliert hier an Geschwindigkeit; ruhig und unaufgeregt erzählt Elizabeth Gilbert vom Leben ihrer Protagonistin.

    1859 veröffentlich Charles Darwin in England sein Hauptwerk Die Entstehung der Arten, das grundlegende Werk der Evolutionsbiologie. Alma ist fasziniert von Darwins Erkenntnissen. Sie lädt einen jüngeren Forscher nach Amsterdam ein, in dem sie einen Bruder im Geiste erkennt und der sich mit Darwin persönlich über die Evolutionstheorie ausgetauscht hat. beide sind unabhängig von Darwin zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt: Sie waren zu dritt…


    Gilbert, E. (2023): Das Wesen der Dinge und der Liebe. Fischer TASCHENBUCH, Frankfurt am Main, 699 S.

  • Das große Spiel von Richard Powers

    „Wenn wir keine Landlebewesen wären oder zumindest mal in Ruhe einen Globus betrachten würden, wäre uns schnell klar, dass der Name ‚Erde‘ für unseren Heimatplaneten eher ungeeignet ist. ‚Ozean‘, ‚Meer‘ oder ‚Wasser‘ würden besser passen, denn mehr als 70 Prozent der Oberfläche sind von Meeren bedeckt“, schreibt Frauke Fischer, Biodiversitätsexpertin und Dozentin für internationalen Naturschutz an der Universität Würzburg sowie Mitgründerin der Perú Poro GmbH in Frankfurt, in ihrer Kolumne in der Frankfurter Rundschau vom 6. Juni 2026.

    Und genau darum geht es in Richard Powers‘ vielschichtigen und intelligenten Roman Das große Spiel: um das Meer und seine faszinierenden Bewohner, um Entwicklungen auf einer Insel im Südpazifik, um Macht, Einfluss und die Entstehung eines fesselnden Online-Spiels, das das Leben der Menschen nachhaltig prägt.

    Die Hauptprotagonisten sind:
    Rafi Young, amerikanischer Literaturwissenschaftler und Dichter,
    Todd Keane, amerikanischer Softwareentwickler und Multimillionär,
    Ina Aroita, Künstlerin und Tochter einer tamilischen Flugbegleiterin aus Honolulu und eines hawaiianischen Bootsmanns,
    Evelyne Beaulieu, kanadische Meeresforscherin und leidenschaftliche Taucherin,
    sowie Didier Turi, Bürgermeister von Makatea, einer zu Französisch-Polynesien gehörenden Koralleninsel, und einige der weniger als 100 Bewohnerinnen und Bewohner der Insel.

    Ich finde das Buch sehr lesens- und empfehlenswert; wie auch die beiden weiteren Romane Das Echo der Erinnerungen und Klang der Zeit, die ich von diesem Autor bereits gelesen habe. Nach der beeindruckenden Lektüre bleibt für mich jedoch eine Frage offen: Wenn Rafi am 3. August in Urbana an einem Herzinfarkt gestorben ist, wer lebt dann mit Ina und den beiden Kindern auf Makatea? Rafi, der Wiederauferstandene? Oder der Rafi Young, der das Abschiedsgedicht für seinen an der Lewy-Körperchen-Demenz erkrankten und verstorbenen Jugendfreund und Multimillionär Todd Keane verliest?

    Powers, R. (2024) Das große Spiel. München: Penguin Verlag. 509 S.

  • Die Netanjahus von Joshua Cohen

    Benjamin Netanyahu ist zehn Jahre alt, als sein Vater im Winter 1959/1960 zu einem Vorstellungsgespräch an die Corbin University, New York, eingeladen wird. Den Vater, ein Experte für das Judentum im mittelalterlichen Iberien, begleiten auf dieser Mission nicht nur Benjamin, sondern auch sein älterer BruderJonathan, der siebenjährige Iddo und Zila, seine Ehefrau.

    Ich-Erzähler Ruben Blum ist Historiker an eben jener Bildungseinrichtung. Er ist ein jüdischer Historiker, aber „kein Historiker, der sich mit jüdischer Geschichte befasst“. Er ist wenig erfreut, als er vom Dekan der Corbin den Auftrag erhält, in einer Kommission über die Festanstellung Ben-Zion Netanjahus mit zu entscheiden. Noch dazu kommt es unglücklicherweise dazu, dass Blum und seine Familie zu unfreiwilligen Gastgebern der Familie Netanyahu werden. An einem verschneiten Winterabend beginnt das Grauen für die Familie Blum: „Das Auto war ein wüstengelber verrosteter Ford aus den Vierzigern, Pontonkarrosserie, stromlinienförmig und, das muss man sagen, schnittig für seine Zeit, die aber, als der Wagen unsere Straße entlangschlitterte, längst abgelaufen war“. In dem Ford: Die fünf Netanjahus. „Fünf identische Fellmäntel mit Knebelknöpfen, hoffentlich mit ordentlichem Mengenrabatt erworben. Während die Kinder in höchstens Alarmzustand um das Auto rasten, Schneebälle warfen und ihnen auswichen, hob einer der Erwachsenen das Haupt zum Himmel und schrie in der Sprache, die in meiner Jugend Gott gesprochen hatte. Sie – denn es war der Schrei einer Frau – musste den Kindern gesagt haben, mit dem Gerenne aufzuhören und endlich still zu sein. Dies war meine erste Begegnung mit den Netanjahus, mit der gesamten Familie: de ganze Mischpoche.“

    So geht es weiter und – das sei vorweggenommen – dieser Roman lässt kein gutes Haar an den Netanjahus. Als Leserin dieses intelligenten und schwungvoll geschriebenen Buches habe ich mich oft gefragt: Mein Gott, beruht diese Erzählung auf wahren Begebenheiten oder entspringt sie ausschließlich der Fantasie des Träger des Pulitzer-Preises 2022, Joshuar Cohen?! Ein Blick auf „Abspann & Gastauftritte“ am Endes des Buches und auf Google-Ergebnisse bestätigten ersteres.

  • No way home von T.C. Boyle

    „Als seine Mutter starb, hatte er Dienst.“Mit diesem lapidaren Satz beginnt T.C. Boyles jüngster Roman. Er ist Terrence, genannt Terry, ein junger Assistenzarzt in Los Angeles. Sobald es seine Arbeit im Krankenhaus zulässt, macht sich Terry auf nach Boulder City, dem Provinzkaff, in dem seine Mutter lebte und ihm ein Haus und einen Hund hinterlassen hat. In einem Lokal bestellt er sich einen Scotch, Fish and Chips und lernt Bethany kennen. Diese zieht in das Haus seiner Mutter und kümmert sich um Daisy, den Hund. Und dann gibt es noch Jesse, Bethanys Ex. Eine skurile Dreierbeziehung nimmt ihren Anfang und steuert auf ein ziemlich böses Ende zu.

    T.C. Boyle ist seit vielen Jahren einer meiner Lieblingsautoren. Ich finde, er schreibt grandios gut. Auch diese wüste Geschichte…

  • Der große Riss von Christina Henríquez

    Im Jahr 1907 sucht die Isthmische Kanalkommission „4000 tüchtige Arbeitskräfte für Panama“. Für diese „Arbeit im Paradies“ wird mit einem 2-Jahres-Vertrag, kostenloser Unterkunft und medizinischer Versorgung und 10 bis 20 Cent Lohn pro Stunde geworben. Der Aufruf zeigt Wirkung: Nicht nur aus der gesamten Karibik strömen Männer – und auch Frauen – nach Panama, um beim Bau des Kanals, der den Atlantik mit dem Pazifik verbinden soll, mitzuwirken.

    Christina Henríquez Erzählstil ist plastisch und so lebendig, dass ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen mochte. Die Autorin erzählt von Francisco Aquino, einem panamaischen Fischer und seinem Sohn Omar, von Ada Bunting, einem sechzehnjährigen Mädchen aus Barbados, von Marian und John Oswald aus Tennessee und weiteren Männern und Frauen, die in Panama leben oder dem Ruf dorthin gefolgt sind und sich weder von Gelbfieber- oder Malaria-Ausbrüchen, den harten Lebensumständen in dem gerade von Kolumbien unabhängig gewordenem Land und der Knochenarbeit beim Bau des berühmten Kanals abschrecken lassen.

  • Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen von Thor Hanson

    Warum sollten wir uns für den Wohlfühlbereich von Wüsteneidechsen oder die Anzahl von Sonnenblumen-Seesternen interessieren? Die Antwort darauf liefert Thor Hanson in ‚Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen. Er erzählt Geschichten, die er selbst als Biologie-Student, Naturforscher oder Vater eines neunjährigen Sohnes erlebt oder von denen er durch den Austausch mit anderen WissenschaftlerInnen zu berichten weiß. Bei mir ist ihm gelungen, was er mit diesem Buch am erreichten wollte: Mit Aha-Erlebnissen über die Folgen des Klimawandels zum Handeln anzuregen

  • Sprich mit mir von T.C. Boyle

    Von Menschen und Affen. Ein ergreifender Roman.

  • Blue Skies von T.C. Boyle

    T.C. Boyle ist seit langem einer meiner Lieblingsautoren. Der Autor aus Peekskill, N.Y. beschreibt in ‚Blue Skies‘ meisterhaft ein nicht unwahrscheinliches Zukunftsszenario. Er lässt uns eintauchen in die Leben von Cat, Besitzerin einer Königspython und Instagram-Gefangenen, Cooper, ihrem Bruder, ein Insektenforscher mit amputiertem Arm, deren Mutter Ottilie sowie weiteren Freunden und Familienangehörigen, die auf unterschiedlichste Weise mit den Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert werden.

  • Nachbarn von Diane Oliver

    Sie trifft ins Mark mit ihren Erzählungen. Julia Franck: „Diane Oliver ist die größte amerikanische Autorin des 20.Jahrhunderts. Mit ihr reise ich in die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und in die Seele der Menschen“. Eva Menasse: „Das Buch erfüllt einen mit Bewunderung und mit Wehmut, weil man sieht, was für ein unglaubliches Talent hier viel zu früh gestorben ist.“ Diane Oliver wurde 1943 in Charlotte, North Carolina geboren und starb 1966 bei einem Motorradunfall.