In elf Kapiteln schreibt Annette Dittert über die britische Monarchie, Mudlarkerinnen in der Themse, die katastrophalen Auswirkungen der Privatisierung der britischen Wasserwerke und das nebulöse Selbstbild der Engländer. Außerdem geht es um die Besonderheiten englischer Gärten, die unsichtbare Armut in Großbritannien, das verrückte House of Lords, die walisischen und schottischen Sehnsüchte nach Unabhängigkeit, traditionelle Gentlemen’s Clubs sowie das einst schrille Soho in London.
Dass sie viele Jahre als Auslandskorrespondentin für die ARD gearbeitet hat, wird in jedem Kapitel deutlich: gründliche Recherche, eine klare Sprache, interessante Aufhänger sowie zahlreiche Interviewpartnerinnen und -partner, die häufig auch kontroverse Sichtweisen anschaulich zum Ausdruck bringen und zum Nachdenken anregen. Gewürzt ist all das mit eigenen Beobachtungen und Erfahrungen einer Frau, die vor Kurzem ihren Oath of Allegiance auf König Charles und seine Nachfolger abgelegt hat und nun nicht mehr als Deutsche, sondern als britische Staatsbürgerin auf ihrem Hausboot auf der Themse lebt.
Ich habe Dear Britain sehr gerne gelesen. Annette Dittert gelingt mit ihrer „Suche nach der Seele Großbritanniens“ ein ebenso kenntnisreiches wie persönliches Porträt des Landes. Das Buch hat mir nicht nur zahlreiche neue Einblicke in die britische Geschichte, Politik und Gesellschaft vermittelt, sondern auch große Lust gemacht, Großbritannien – und insbesondere Wales – noch einmal neu zu entdecken.
In „Mama, lern bitte Deutsch“ lässt Tahsim Durgun seine Leserinnen und Leser teilhaben an dem Leben einer yezidischen Familie in Norddeutschland. Genauer gesagt in Oldenburg, Niedersachsen. Als der Autor in unserer gemeinsamen Heimatstadt geboren wurde, hatte ich diese bereits verlassen und war weiter gen Norden gezogen.
Der auf Social Media sehr bekannte Autor – laut Klappentext hat er dort Hunderttausende Follower – studiert Lehramt für Deutsch und Geschichte. Sein Wissen lässt er in dem ansonsten locker und flockig geschriebenen autobiografischen Roman über seine Kindheit und Jugend in Oldenburg am Ende jedes Kapitels einfließen: Was man unter Alliteration, Metapher, Nomen, Plural, Fremdwort und Kompositum versteht, erfahren seine Mutter, an die er zu Beginn der Kapitel die jeweilige Frage richtet („Mama, was ist eine Alliteration?“), und seine Leserschaft jeweils zum Ende eines Kapitels.
„Mama, bitte lern Deutsch“ vermittelt nicht nur Einblicke in das Leben einer yezidischen Familie in Deutschland, sondern verdeutlicht auch anschaulich, welche Hürden und Schwierigkeiten Menschen erleben, die aus ihrer Heimat flüchten mussten und nun in Deutschland leben.
Lesenswert! Und: Bei meinem nächsten Besuch in Oldenburg werde ich mal wieder an den „Borni“, den Bornhorster See, fahren. Danke, Tahsim Durgun, für diese Erinnerung – ich war schon lange nicht mehr dort.
Am 11. Februar 1933 reist Thomas Mann mit seiner Frau Katia nach Amsterdam. Zwei Tage später wird er dort einen Vortrag über die Leiden und Größe Richard Wagners halten. Ein Vortrag, der in der Presse seines Heimatlandes nicht korrekt wiedergegeben werden und später zur Verunglimpfung Manns im nationalsozialistischen Deutschland beitragen wird.
Auch Heinrich Mann, Thomas’ älterer Bruder, bricht im Februar 1933 auf. Für ihn geht es von Berlin in Richtung Westen – in die Emigration. Er, der offen mit den Sozialisten sympathisiert und vom französischen Botschafter André François-Poncet den Rat bekommt, Deutschland zu verlassen, „hat große Angst, noch am Bahnsteig oder an der Grenze festgenommen zu werden“.
Aber nicht nur über die beiden berühmten Schriftstellerbrüder Thomas und Heinrich schreibt Florian Illies in „Wenn die Sonne untergeht“. Er lässt seine Leserinnen und Leser auch teilhaben an den aktuellen Ereignissen im Jahr der Machtergreifung Hitlers sowie an den Eindrücken, Gedanken und Unternehmungen von Katia, Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael Mann in ihrem Zufluchtsort Sanary-sur-Mer an der französischen Mittelmeerküste zwischen Toulon und Marseille. Dort treffen sie auf viele weitere illustre Sommergäste wie Marta und Lion Feuchtwanger, Maria und Aldous Huxley, Beatrice und Arnold Zweig sowie Bertolt Brecht.
Florian Illies ist ein hervorragender Erzähler und Schriftsteller. Ich finde seinen aktuellen Roman äußerst packend. Zum einen, weil ich sehr viel mir bislang Unbekanntes über die einzelnen Mitglieder der Familie Mann erfahren habe. Zum anderen, weil ich während des Lesens oft innehalten musste: Nur Erika und Klaus, die beiden ältesten der Geschwister, ahnten oder sahen im Frühjahr/Sommer 1933 voraus, welche Entwicklung Deutschland nehmen und welche Konsequenzen sich daraus für sie, ihre Familie und die Gesellschaft ergeben würden.
Ich habe diesen Roman im April 2026 gelesen – in einer Zeit mit wahnsinnigen Despoten und menschenverachtenden Regierungschefs im Westen, Osten und im „Heiligen Land“, mit Kriegen in Europa, Afrika und Asien – und immer mehr Wählerinnen und Wählern, die die AfD wählen, nicht nur in Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Am 11. Februar 1933 reist Thomas Mann mit seiner Frau Katie nach Amsterdam. Zwei Tage später wird er dort einen Vortrag über die Leiden und Größe Richard Wagners halten. Ein Vortrag, der in der Presse seines Heimatlandes nicht korrekt wiedergegeben werden und später zur Verunglimpfung Manns im nationalsozialistischen Deutschland beitragen wird.
Auch Heinrich Mann, Thomas älterer Bruder bricht im Februar 1933 auf. Für ihn geht es von Berlin in Richtung Westen – in die Emigration. Er, der offen mit den Sozialisten sympathisiert und vom französischen Botschafter André François-Poncet den Rat bekommt, Deutschland zu verlassen, „hat große Angst, noch am Bahnsteig oder an der Grenze festgenommen zu werden“.
Aber nicht nur über die beiden berühmten Schriftsteller Brüder Thomas und Heinrich schreibt Florian Illies in „Wenn die Sonne untergeht“. Er lässt seine Leserinnen und Leser auch teilhaben an den aktuellen Ereignissen im Jahr der Machtergreifung Hitlers und an den Eindrücken, Gedanken und Unternehmungen von Katia, Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael Mann in ihrem Zufluchtsort Sanary-sur-Mer an der französischen Mittelmeerküste zwischen Toulon und Marseilles. Dort treffen sie auf viele weitere illustre Sommergäste, wie Marta und Lion Feuchtwanger, Maria und Aldous Huxley, Beatrice und Arnold Zweig sowie Bertold Brecht.
Florian Illies ist ein hervorragender Erzähler und Schriftsteller. Ich finde seinen aktuellen Roman äußerst packend. Zum einen, weil ich sehr viel mir bislang nicht Bekanntes über die einzelnen Mann-Familienmitglieder erfahren habe. Und zum anderen, weil ich während des Lesens oft innegehalten musste: Nur Erika und Klaus, die beiden ältesten der Geschwister, ahnten oder sahen im Frühjahr/Sommer 33 voraus, welche Entwicklung Deutschland nehmen und welche Konsequenzen sich darauf für sie, ihre Familie und die Gesellschaft ergeben würden. Ich habe diesen Roman im April 2026 gelesen: in einer Zeit, mit wahnsinnigen Despoten und menschenverachtende Regierungschefs im Westen, Osten und im „Heiligen Land“ und mit Kriegen In Europa, Afrika und Asien – und immer mehr Wählerinnen und Wählern, die die AfD wählen – nicht nur in Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Bad Nauheim, ein beschaulicher Kurort in Hessen, rückte im September 1920 unerwartet in den Fokus der Öffentlichkeit: Die Versammlung Deutscher Naturforscher zog über zweitausend Teilnehmende an – darunter drei Physiknobelpreisträger: Albert Einstein, Max Planck und Philipp Lenard.
Der Roman Einstein im Bade des Physikers und Autors Daniel Melles entführt Leserinnen und Leser zurück in diese aufregende Woche – vom 19. September 1920, einem Sonntagmittag, bis zum 27. September 1920, einem Montagmorgen.
Daniel Mellem erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Direktor Kleeberger, der in zweiter Generation das traditionsreiche Hotel Rastender Kranich führt. Im Mittelpunkt steht die neue Relativitätstheorie, die in der wissenschaftlichen Gemeinschaft für hitzige Debatten und Turbulenzen sorgt.
Ein insgesamt unterhaltsamer, amüsanter Roman, der Wissenschaftsgeschichte lebendig werden lässt.
Kali ist eine Göttin. Im Hinduismus ist sie es, die Altes zerstört, um Platz für Neues zu schaffen.
Nivedita Amend veröffentlicht Blogs als Mixed-Race Wonder-Woman und lässt sich von ihren Followerinnen und Followern Identitti nennen. Und: Sie hat einen heißen Draht zu Kali. Die schwarze Göttin mit dem Rock aus abgerissenen Armen und die Studentin aus Düsseldorf stehen in stetem Austausch miteinander.
Nivedita verehrt ihre Professorin Saraswati, bei der sie Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie studiert, zutiefst. „Charismati Saraswati“, wie ihre Studentinnen und Studenten sie nennen, besticht durch ihren Charme, ihre scharfe Zunge und ihre Intelligenz.
Doch plötzlich verändert sich alles. Saraswati has canged her colour. She’s no PoC – People of Colour. Innerhalb eines Tages liefert Niveditas Netzrecherche „Saraswati, weiß“ vierundachtzigtausend Ergebnisse: „Skandal um Postkolonialismus-Star-Professorin“ (Huffington Post vor drei Stunden), „Professur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen“ (SPIEGEL ONLINE vor einer Stunde), „Falscher Guru an Düsseldorfer Universität“ (taz vor 44 Minuten). Niveditas Welt zerbricht, ihre Identität wird infrage gestellt – Zeit für Neues!
Ein Roman, in dem jedes Kapitel neue Herausforderungen, Gedankensprünge und Erkenntnisse für Leserinnen und Leser bereithält. Schnell, quirlig, vielschichtig und multiperspektivisch – keine leichte Lektüre, aber eine sehr spannende und interessante.
Mervyn kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum Liz so sauer auf ihn ist. Mervyn ist ein gut erzogener Jagdhund – benannt nach dem ehemaligen Vorsitzenden der Bank of England – und Liz, eine Investmentbankerin, sein Frauchen. Zudem ist Liz die Chefin von Andrew, Jim, David und Bernard. Zusammen mit Psychologin Rahel und Köchin Helen hat die Gruppe aus London für ein Wochenende den Westflügel des Anwesens von Lord und Lady McIntosh angemietet. Ein intensives Teamtraining in den schottischen Highlands soll die Zusammenarbeit der vier Investmentbanker und ihrer Chefin weiter optimieren.
Mit einer großen Portion Ironie und Humor beschreibt Isabel Bogdan die unerwarteten Ereignisse des Wochenendes auf dem Landsitz von Hamish und Fiona McIntosh. Dabei charakterisiert sie nicht nur das Ehepaar des schottischen Landadels und ihre Besucher aus der Hauptstadt auf einfühlsame und äußerst plastische Weise, sondern spiegelt darüber hinaus auch die Empfindungen diverser Säugetiere und Vögel wider, die in dieser amüsanten Geschichte eine ebenso große Rolle spielen. Dabei bringt ein Pfau durch sein außergewöhnliches Verhalten die ganze Chose erst ins Rollen…
Dieses Buch habe ich mit großem Amusement fast in einem Stück durchgelesen. Eine höchst unterhaltsame Lektüre, die mich oft schmunzeln und häufiger laut lachen ließ.
Ronald Papen verkauft Markisen für Balkone im Ruhrgebiet. Genauer gesagt hat er dreitausendvierhundertundsechs Markisen im Angebot – in zwei Designs: Das Modell ‚Kopenhagen‘ besticht durch neongrüne Grundfarbe mit gelben, geometrischen Mustern, während ‚Mumbai‘ mit braunen, gelben und orangefarbenen Farbverläufen überzeugt.
In den Sommerferien 2005 erhält der in einer Fabrikhalle lebende Einzelgänger Besuch: Seine Tochter Kim, die er bisher nicht kennengelernt hat, begleitet ihn auf seinen Verkaufsfahrten durch Recklinghausen, Herne oder Essen. Die Fünfzehnjährige bringt frischen Wind in die Haustürgeschäfte ihres Vaters – und es entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden.
‚Der Markisenmann‘ ist ein unterhaltsamer Roman, eine Vater-Tochter-Geschichte und zugleich eine Erzählung aus der jüngeren deutsch-deutschen Vergangenheit.
Der Protagonist, der Autor nennt ihn schlicht Siebeneisen, lebt in Nordrhein-Westfalen, genauer in Oer-Erkenschwick. Aber dort bleibt er nicht. Als er donnerstags im Fetten Hecht erfährt, dass sein Freund Schatten 50 Millionen Euro geerbt hat, verlässt er diesen Ort mit dem westfälischen Dehnungs-e und macht sich auf Bitten von Schatten auf die Suche, sieben Miterben zu finden, ohne die die Erbschaft nicht wirksam wird. Natürlich leben die Sieben in den entlegensten Regionen der Welt… In seinen Roman wird deutlich, dass Stefan Link ist ein routinierter Reisebuch-Autor ist. Er erzählt humorvoll, spannend, sehr unterhaltsam.
‚Freitags in der faulen Kobra‘ ist sein zweiter Roman. Als Lokalredakteur Silbereisen an einem Yogakurs in einem indischen Palasthotel teilnimmt, bittet ihn ein Maharadscha um Hilfe und Silbereisen reist wieder los. „Im Fahrwasser des großen Entdeckers führt die Suche von Tonga nach Neuseeland, Kapstadt, Hawaii und Kanada. Und während sich Silbereisen mit Straußen, Eisbären und einem kleptomanischen Buschbaby herumschlagen muss und seine Freunde Wipperfürth und Schatten ihn aus dem Teehaus Zur faulen Kobra mehr oder weniger sinnvoll unterstützen, wird im Palast des Maharadschas ein ganz anderer Plan verfolgt.“( 1. Auflage, Limes Verlag, 2024)
Wir nehmen Erich Kästner beim Wort. Schließlich hat ein Großstädter diesen feinen, schmalen Gedichtband für Großstädter geschrieben. Und so lesen mein Mann Thomas und ich, seit vielen Jahren begeisterte FrankfurterInnen, uns – immer am ersten Tag eines neuen Monats – ein Gedicht des Dresdeners vor. Illustriert hat diesen Gedichtband der von uns beiden sehr geschätzte Hans Traxler. Hier kommt ‚Der September‘:
„Das ist ein Abschied mit Standarten aus Pflaumenblau und Apfelgrün. Goldlack und Stern flaggt der Garten, und tausend Königskerzen glühn.
Das ist ein Abschied mit Posaunen, mit Erntedank und Bauernball. Kuhglockenläutend zehn die braunen und bunten Herden in den Stall.
Das ist ein Abschied mit Gerüchen aus einer fast vergessenen Welt. Mus und Gelee kocht in den Küchen. Kartoffelfeuer qualmt im Feld.
Das ist ein Abschied mit Getümmel, mit Huhn am Spieß und Bier im Krug. Luftschaukeln möchten in den Himmel. Doch sind sie wohl nicht fromm genug.
Die Stare gehen auf die Reise. Altweibersommer weht im Wind. Das ist ein Abschied laut und leise. Die Karussells dreht sich im Kreise. Und was vorüber schien, beginnt.“
Brigitte Eicke ist eine Sekretärin in Berlin, Traudl Junge Hitlers Sekretärin im sogenannten Adlerhorst, Kurt Vonnegut, genannt Billy, ein Soldat der US-Armee in den Ardennen, Helmut James Graf von Moltke, ein inhaftierter Widerstandskämpfer in Berlin, Yves Béon, ein KZ-Häftling in Mittelbau-Dora und Georgi Konstantinowitsch Schukow ist ein Marschall der Roten Armee in Berlin. Diese sechs Personen sind nur einige, aus deren Sicht Volker Heise, ein Regisseur, Dramaturg, Produzent und Dokumentarfilmer, in dieser Chronik das Jahr 1945 Revue passieren lässt.
Max Planck, der große Wissenschaftler aus Kiel, 1918 ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Physik, steht als alter Mann vor einer der wohl größten Herausforderung seines Lebens: Hitlers Reichskulturkammer fordert ihn auf, einen Beitrag zur Broschüre „Bekenntnis zum Führer“ zu verfassen. Erwin Planck, sein Sohn und Widerstandskämpfer, ist vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt worden. Der Vater verweigert das Bekenntnis.
Aber nicht nur über das Leben und Wirken des Nobelpreisträgers Planck habe ich in diesem Roman vieles erfahren, sondern ebenfalls über Plancks Weggefährten Albert Einstein, der in Princeton lehrt, während sein Sohn Eduard in Burghölzli, einer Heilanstalt in Zürich, haarsträubende ‚Behandlungen‘ über sich ergehen lassen muss.