Kategorie: Schweiz

  • Mr. Goebbels Jazz Band von Demian Lienhard

    „Germany Calling“ war ein englischsprachiger Propagandasender des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, der 1940 von Josef Goebbels in Berlin gegründet wurde. Sein bekanntester Sprecher war William Joyce, genannt „Lord Haw-Haw“, ein amerikanisch-irischer Faschist, der mit seinem affektierten britischen Akzent eine große Zuhörerschaft in Großbritannien und Irland erreichte. Viele hörten zu, in der Hoffnung auf Nachrichten von ihren im Krieg befindlichen Familienangehörigen, denn Kriegsgefangene konnten über diesen Sender Grüße an die Daheimgebliebenen senden, die auf ein Lebenszeichen warteten.

    Der besondere Clou: Ein von Adolf Raskin, Musikwissenschaftler und Radiointendant im Dienst der Nazis, gegründetes Jazzorchester. „Ein hauseigenes Orchester, sozusagen eine musikalische Schattenarmee, müsse her, die in der Lage sei, die Briten tag und nacht mit dem allerfeinsten Propagandajazz zu bombardieren.“ Und genau von dieser Swing-Band erzählt Demian Lienhard mit „… viel Witz und Ironie, mit Sinn für Details. Ein verrücktes Buch, das überrascht, bildet und die Wirkung und den Widersinn von Propaganda in feiner und präziser Sprache vorführt“, befindet WDR5 auf dem Klappentext sehr treffend.

    „Lord Haw-Haw“, der eingangs erwähnte Radiosprecher, wird, so erfahren die Leserinnen und Leser in den Schlussbemerkungen des Herausgebers Demian Linhard, hingerichtet: „Am 3. Januar 1946, einem grauen, verregneten Tag mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, wird William Joyce um 08:59 Uhr von drei Männern aus seiner Zelle in der Londoner Strafanstalt Wandsworth geholt und zum Galgen eskortiert, wo jene Strafe an ihm vollstreckt wird, die zuletzt auch die höchste Instanz im Land, das House of Lords, bestätigt hat: Tod wegen Hochverrats. Neun Minuten später wird am Hauptportal des Gefängnisses der Zettel mit jener Nachricht angeschlagen, auf die die rund dreihundert Schaulustigen bereits ungeduldig warten: William Joyce ist tot.“

  • Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger

    Alles bleibt im Konjunktiv. Ich war froh, die letzte Seite dieser fast ausschließlich in der Möglichkeitsform geschriebene Erzählung erreicht zu haben. Das Lesen dieses mit dem Buchpreis 2025 ausgezeichneten Romans hat mir keine Freude bereitet.

    Ein Theatermacher kommt auf die Idee, das Verschwinden zweier junger Frauen aus Leiden in den Tropen Lateinamerikas – ein Fall der ungelöst blieb – mit einer Theatergruppe vor Ort nachzuempfinden. Die Erzählerin, die als Protokollantin dieses Projekt begleitet, bietet ihre Notizen einem Auditorium dar.

    Der Text ist gespickt mit zahlreichen Zitaten – auch auf Englisch und Spanisch – und enthält ebensoviele Verweise auf literarische Werke diverser Autoren und Regisseure Walter Benjamin, Nikolai Lesskow und Werner Herzog seinen hier exemplarisch genannt. Womit wir wieder beim Konjunktiv sind…

  • Herr Klee und Herr Feld von Michel Bergmann

    Sechs Bücher von einem Autor in fünf Monaten lesen? Das ist – soweit ich mich erinnern kann – eine Premiere in meinem Leseleben. Aber Michel Bergmanns erfrischender Schreibstil, seine Erzählkunst, Themenauswahl und sein Humor haben mir so gut gefallen, dass ich nach der Lektüre von ‚Herr Klee und Herr Feld‘ sogleich auch ‚Die Teilacher‘, ‚Machloikes‘ (Band eins und zwei der Trilogie um jüdisches Leben in Frankfurt am Main), ‚Alles was war‘, ‚Weinhebers Koffer‘ und ‚Mameleben‘, ein Buch über Michel Bergmanns Mutter, die 1945 in einem Internierungslager in der Schweiz zur Welt gebracht hat, gelesen habe.

    Am besten gefallen hat mir der hier im Titel genannte Roman, Band drei der Trilogie. Er handelt von zwei leicht schrulligen älteren Brüdern: Der eine, Moritz, ein emeritierter Professor und praktizierender Jude, der andere ein ehemaliger Schauspieler in mittelmäßigen Dracula-Filmen.

    Und so beginnt er:
    „Meine Herren! Ich werde Sie verlassen! Moritz starrte sie an. Sein Löffel sank in die Suppe. Aber Frau Stöcklein. Warum denn, um Himmels willen? Alfred schaute nur kurz hoch und aß dann weiter. Die Haushälterin blickte verlegen auf ihre Hände. Ich bin heute fünfundsechzig und …

    Alles Gute. Alles, alles Gute. Sie dürfen sich etwas wünschen. Ein Kochbuch, murmelte Alfred kauend. Moritz schaute zu seinem Bruder. Hast du etwas gesagt? Alfred sah Frau Stöcklein an. Kann ich den Pfeffer haben? Solange Sie noch unter uns weilen?“


    Leider ist Michel Bergmann im Juni 25, während ich ‚Herr Klee und Herr Feld‘ las, verstorben.