Kategorie: Asien

  • Das Geheimnis der Eulerschen Formel von Yoko Ogawa

    Ein Professor, der Primzahlen liebt, eine junge Frau, die über die Akebono-Haushaltsservice-Agentur für ihn arbeitet, und ihr zehnjähriger Sohn, der Root genannt wird, da sein flacher Kopf an das Dach des mathematischen Wurzelzeichens erinnert, sind die drei Protagonisten dieses Romans.

    Das Fachgebiet des Professors ist die Mathematik. Genauer: Es war es, denn bei einem Unfall wurde sein Kurzzeitgedächtnis geschädigt. Nach genau achtzig Minuten kann er sich an nichts mehr erinnern. Kleine Zettel, die er an unterschiedlichen Stellen seines abgewetzten Anzugs befestigt, sollen ihm bei Bedarf auf die Sprünge helfen. Eine dieser Notizen lautet: „Meine Erinnerung dauert nur 80 Minuten“, eine andere: „Neue Haushälterin (+ eine Skizze) und ihr zehnjähriger Sohn“.

    Der Professor liebt Primzahlen und solche, die befreundet sind. „Schauen Sie sich diese herrliche Zahlenfolge an! Die Summe der Teiler von 220 – außer der Zahl selbst – beträgt 284. Und die Summe der Teiler von 284 ist 220. Das sind befreundete Zahlen. Sie kommen äußerst selten vor. Fermat und Descartes haben jeder nur ein Paar gefunden. Es sind Zahlen, die mittels einer göttlichen Fügung miteinander verknüpft sind.“

    Die neue Haushälterin gewöhnt sich schnell an die Skurrilität des alten Mannes und beginnt, sich für Zahlenfolgen und mathematische Formeln zu interessieren. Keine der über die oben genannte Agentur von der Schwägerin des Professors engagierten Hausdamen hat es länger ausgehalten. Die Ich-Erzählerin schließt den Professor ebenso ins Herz und fühlt sich schon bald nicht nur für seine Wohnung und Verpflegung, sondern auch für sein Wohlergehen verantwortlich.

    Letzteres steigt ungemein, nachdem Root seine Nachmittage nach der Schule nicht mehr allein zu Hause, sondern auf Wunsch des Professors am Arbeitsplatz seiner Mutter verbringt. Auch er begeistert sich bald für Zahlen und knifflige Rätsel. Darüber hinaus mögen alle drei Baseball. Keiner spielt selbst, aber sie hören die Spiele zusammen und besuchen sogar einmal zu dritt ein Spiel im Stadion.

    Eigentlich könnte es immer so weitergehen. Doch die Schwägerin des Professors trifft eine Entscheidung, die dem harmonischen Miteinander zu dritt ein ziemlich abruptes Ende beschert.

    Eine liebenswerte Geschichte, die auch mir Zahlen nahegebracht hat.

    Ogawa, Y. (2024), Das Geheimnis der Eulerschen Formel. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München, 250 S.

  • Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt von Jegana Dschabbarowa

    Die Ich-Erzählerin merkt schnell, dass sie in Russland nicht dazugehört. Aber auch in Aserbaidschan, dem Land ihrer Eltern, in dem ihre Familie regelmäßig die Sommerferien verbringt, ist sie eine Fremde. Ihr Aserbaidschanisch ist nicht fließend genug, um als „wahre“ Tochter des Landes anerkannt zu werden.

    Jegana Dschabbarowa erzählt in ihrem Debütroman von Diskriminierung und Fremdenhass, die sie als Mädchen und junge Frau in einer sehr konservativen und stark patriarchalisch geprägten Gesellschaft erlebt hat. Und von den vielen Erwartungen, die an junge Frauen gestellt werden.

    Interessant ist auch die Erzählweise, die die Autorin gewählt hat: Anhand von Körperteilen wie Augenbrauen, Augen, Haaren, Mund oder Schultern beschreibt sie anschaulich, welche Konventionen ihre Familie und die Gesellschaft als selbstverständlich ansehen, und zeigt auf, wie sie diese hinterfragt. Deutlich wird das bereits in den ersten Sätzen des Romans: „Der ovale Spiegel warf zwei große, dichte, schwarze Augenbrauen zurück, die gemäß Mutters striktem Verbot nicht gezupft werden durften. Und zwar nicht nur, weil Allah seinen Geschöpfen untersagt, irgendetwas an ihren Körpern zu verändern, sondern auch, weil ich nicht verheiratet war.“

    Gleichzeitig nutzt die Autorin die Gliederung der Kapitel nach Körperteilen, um ihre Erkrankung – eine generalisierte Dystonie – zu thematisieren, die sich in starken Lähmungserscheinungen im gesamten Körper und heftigen Schmerzen äußert. Eine Erkrankung, die ihre Eltern lange nicht wahrhaben wollen, da sie das „zweifellos wichtigste Ereignis im Leben eines jeden aserbaidschanischen Mädchens“, die Hochzeit der Tochter, in immer weitere Ferne rücken lässt.

    Jegana Dschabbarowa hat sich unlängst für einen ganz anderen Lebensweg entschieden, der mit den Vorstellungen ihrer Familie kaum deutlicher widersprechen könnte: Zusammen mit ihrer Frau lebt sie seit einigen Jahren in Hamburg.

    Dschabbarowa, Jegana (2026): De Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt. Lizenzausgabe für die Mitglieder der Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main, Leipzig, Wien. 139 S.

  • Hund Wolf Schakal von Behzad Karim Khani

    Saam, ein junger Mann in Berlin, wird gewalttätig und landet im Gefängnis. Sein jüngerer Bruder Nima, ein talentierter Skateboarder und Gymnasiast, steigt ins Kokaingeschäft ein. Wie kann es dazu kommen?

    Behzad Karim Khani beschreibt in seinem Debütroman Hund, Wolf, Schakal, wie aus zwei Kindern, die gemeinsam mit ihrem Vater Jamshid aus Teheran fliehen, Teenager und schließlich junge Erwachsene werden, die sich in der harten Realität Neuköllns behaupten müssen.

    Das Buch hat mich im doppelten Sinne des Wortes mitgenommen: Ich habe es innerhalb von zwei Tagen durchgelesen. Ronald Düker bringt es in Die Zeit auf den Punkt: „Ein fulminant pathetischer, brutaler und in seiner Fragilität zugleich so schmetterlingshaft schöner Roman.“

    Khani, Behzad Karim (2024). Hund Wolf Schakal. Frankfurt an Main, Fischer Taschenbuch. 285 S.

  • Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick vom Rafik Schami

    Eine Hommage zum 80. Geburtstag dieses großartigen Erzählers. Danke, Rafik Schami für dieses bunten, intensiven und lebhaften Erzählungen. Seine Liebe zur Stadt seiner Kindheit beschreibt er gleich auf der ersten Seite: „Es gibt auf der ganzen Welt keinen schöneren Ort als die Altstadt von Damaskus“.

    Aber dieses Buch ist mehr als ein nostalgischer Rückblick. Der Verlag bringt es im Klappentext auf den Punkz: „Achten uns respektieren kann man nur, was man kennt. Rafik Schami will uns aufklären. Er zeigt uns Hintergründe auf, nimmt als politischer Mensch Stellung zu Korruption und Sippenherrschaft in den arabischen Ländern sowie zur oft diffamierten arabischen Kultur in Deutschland.“

    Schami, Rafik (2006). Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick. München, Wien: Carl Hanser Verlag. 253 S.

  • Das Mosaik der Frauen von Rafik Schami

    Er ist ein großer Erzähler. Es gibt nur wenige Bücher von Rafik Schami, die ich nicht gelesen habe. Das Mosaik der Frauen ist sein aktuellstes; erschienen ist es 2026 und all jenen gewidmet, die dem in Damaskus geborenen und in Deutschland lebenden Autor „etwas erzählt haben, als Dank und Ermunterung, weiter zu erzählen“.

    Elf der vierzehn Kapitel des Romans sind nach Frauen benannt. Frauen, die im Leben des Erzählers Nadim Suri eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Doch bevor Nadim Suri, als alter, kranker Mann in einem Heidelberger Krankenhaus liegend, aus seinem Leben berichtet, kommt mit Said Mardini ein weiterer Erzähler zu Wort. Dieser „wird jenen Freitag nicht vergessen. Nach einem vierstündigen Flug von Beirut war er am Frankfurter Flughafen angekommen. Es war der 19. März 1971.“

    Er zieht nach Heidelberg und nimmt dort nach Abschluss seines Studiums „eine spannende und hochdotierte Arbeit“ auf – er ist Simultandolmetscher. Ein Freund, der als Arzt in eben jenem Heidelberger Krankenhaus arbeitet, vermittelt den Kontakt zwischen Said und Nadim. Letzterer erzählt, und Said schreibt das Gehörte nieder.

    Schami, R. (2026) Das Mosaik der Frauen. München: Carl Hanser Verlag. 303 S.

  • Lolita lesen in Teheran von Azar Nafisi

    Jeden Donnerstagmorgen – fast zwei Jahre lang – treffen sie sich in ihrem Teheraner Wohnzimmer: sieben Studentinnen und Azar Nafisi, ihre Professorin für Literaturwissenschaft. Zusammen lesen sie klassische persische Literatur und parallel dazu westliche Klassiker wie Stolz und Vorurteil (Jane Austen), Madame Bovary (Gustave Flaubert), Daisy Miller(Henry James), Der Dezember des Dekans (Saul Bellow) und Lolita von Vladimir Nabokov.

    Zuvor hatte sich Azar Nafisi der Vorschrift widersetzt, sich an ihrem Arbeitsplatz an der Universität zu verschleiern. 1997 verlässt sie mit ihrem Mann Bojan und ihren beiden Kindern den Iran. Seitdem lebt und lehrt sie in den USA. „Ich habe den Iran verlassen, aber der Iran hat mich nicht verlassen“, schreibt sie im Epilog ihres Buches, das 2024 verfilmt wurde und ab November 2025 auch in deutschen Kinos zu sehen war.

    Ich fand den Roman nicht immer leicht zu lesen. Mehrfach habe ich daran gedacht, ihn aus der Hand zu legen, dann aber doch weitergelesen, weil mir der Mut der iranischen Frauen imponiert hat und ich mehr über das Leben im Iran in der langen Zeit seit der Rückkehr von Chomeini und der Errichtung der Islamischen Republik erfahren wollte.

  • Eine Kiste explodierender Mangos von Mohammed Hanif

    Wie kam es zu diesem Flugzeugabsturz im August 1988 bei Bahawalpur, in der pakistanischen Wüste? Dieser Frage widmet sich Mohammed Hanif in seinem ersten Roman ‚Eine Kiste explodierender Mango‘ auf höchst unterhaltsame und satirische Weise. Hanf, geboren 1965, war Pilot in der pakistanischen Luftwaffe, bevor er Journalist wurde und Theaterstücke und Drehbücher schrieb. Flugzeugabstürze sind immer tragisch. Bei dem oben beschriebenen ist die Ursache ungeklärt. An Bord der ‚Pak one‘ sitzen hochrangige Militärs – pakistanische und amerikanische – sowie Zia ul-Haq, der damalige pakistanische Militärdiktator. Nur einer überlebt die Explosion und den darauffolgenden Absturz. Gleich im Prolog kommt er zu Wort: „Als die Gruppe sich dem roten Teppich nähert, der zur Gangway der Pak One führt, trete ich nach vorn. Man sieht gleich, dass ich der einzige bin, der lächelt, doch als ich salutiere und auf die Maschine zugehe, verschwindet mein Lächeln. Heute weiß ich, dass ich vor einem Haufen toter Männer salutierte. Aber in Uniform salutiert man. So ist das. Später werden Absturzexperten von Lockheed die Trümmer der Maschine zusammensetzen, um das Rätsel zu entschlüsseln, wie eine völlig intakte C-130 kaum vier Minuten nach ihrem Start vom Himmel fallen kann. Astrologen werden ihre Vorhersagen für den August 1988 hervorkramen und Jupiter die Schuld an dem Absturz geben, der die gesamte Lametta-Riege der pakistanischen Armee plus den amerikanischen Botschafter auslöschte. Linke intellektuelle werden auf das Ende einer grausamen Diktatur anstoßen und die historische Dialektik solcher Ereignisse verkünden.“

    Und welche Rolle spielen Mangos in diesem Roman? Nicht nur eine! Meine Empfehlung: Lesen!

  • Die Tage in der Buchhandlung Morisaki von Satoshi Yagisawa

    In Tokio gibt es ein Viertel voller Bücher. Dorthin, nach Jinbocho, zieht es Takako, eine junge Frau, nachdem sie ihren Job gekündigt und – vorher – von ihrer ersten Liebe enttäuscht wurde. Sie sucht ihren Onkel auf, der im ‚Bücherviertel‘ ein Antiquariat führt und wohnt fortan in einem kleinen Raum voller Bücher in der Etage über dem Verkaufsraum. Satoshi Yagisawa erzählt lapidar und schnörkellos vom neuen Leben der Protagonistin, von ihren Cafébesuchen, ihren Buchentdeckungen und von einem Wanderausflug und kurzem Aufenthalt in einem Berggasthof mit ihrer Tante Momoko, die sich dort überraschenderweise mehr als nur gut auskennt.

  • Bienenstich von Viktor Funk

    „Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich“. So beginnt Viktor Funks Roman, der nach einer feinen Bachware aus Hefeteig mit Aufstrich aus Röstmasse und Vanillecremefüllung benannt ist. Der 1978 in Kasachstan geborene und als Elfjähriger nach Deutschland gekommene Autor beschreibt so einfühlsam wie unterhaltsam die Identitätskrisen junger Menschen mit Migrationshintergrund. 

  • Die Wäscheleinen-Schaukel von Ahmad Danny Ramadan

    Ein Hakawati ist ein syrisch-arabischer Ausdruck für jemanden, der Geschichten erzählt. „Die Wäscheleinen-Schaukel“, der Deputroman von Ahmad Danny Ramadan, steckt voller Geschichten. Der Ich-Erzähler, der mit seinem Geliebten von Damaskus nach Vancouver geflohen ist, versucht mit unzähligen Geschichten den Tod zu überlisten und wohl auch, die Erlebnisse mit Homophobie, Krieg, Gewalt, Flucht und Ankommen zu verarbeiten. Ich habe das Buch in der Reihe Büchergilde Weltempfänger entdeckt und kann die Lektüre jeder und jedem uneingeschränkt empfehlen. 

  • Bis es wieder regnet von Saleit Shahaf Poleg

    Saleit Shahaf Poleg, Schriftstellerin, Redakteurin und Uni-Dozentin aus Be‘er-Sheva, Israel, erzählt in ‚Bis es wieder regnet‘ eine Familiengeschichte in einem Siedlungsdorf über einen Zeitraum von hundert Jahren.