Schlagwort: Sachbuch

  • Eine Geschichte der Welt in 100 Mikroorganismen von Florian Freistetter & Helmut Jungwirth

    Als ehemalige Protestantin aus der niedersächsischen Tiefebene hat Fronleichnam in meinem Leben keine Rolle gespielt. Das änderte sich mit meinem Umzug nach Münster in Nordrhein-Westfalen und bedeutete, einen Feiertag mehr zu haben. Doch die religiöse Bedeutung und Entstehungsgeschichte dieses Feiertags waren mir unbekannt. Das änderte sich nach der Lektüre des Kapitels „Serratia marcescens – Feiertag dank Wunderbakterien“ in diesem Buch eines Autorenduos, mit dem mich eine sehr geschätzte Kollegin zu Weihnachten überrascht hat.

    Der Astronom Florian Freistetter und der Mikrobiologe Helmut Jungwirt stellen auf sehr anschauliche und gut verständliche Weise hundert Mikroorganismen vor. Mit dabei sind so alte Bekannte wie Bifidobacterium bifidum, das alle kennen, die sich schon einmal näher mit den Angaben auf ihrem Joghurtbecher auseinandergesetzt haben, oder der Helicobacter pylori, den man nicht im Magen haben möchte, und eben die eingangs erwähnten Keime, die ein italienischer Pharmazeut im Jahr 1819 entdeckte und nach seinem Physiklehrer benannte.

    Das Bakterium Serratia marcescens ist ubiquitär, das heißt, es kommt überall vor. Es lebt im Boden, im Wasser, an Tieren und Pflanzen und bildet, während es organische Substanzen abbaut, rötliche Farbpigmente. Und eben diese sind der Grund, warum ich mich in NRW über einen zusätzlichen freien Tag freuen konnte und warum es Fronleichnam überhaupt gibt. Serratia marcescens gedeiht nämlich besonders gut auf ungesäuertem Brot, das gerne für kirchliche Zeremonien verwendet wird. Dort produziert es rötliche Farbpigmente, die für das sogenannte „Blutwunder von Bolsena“ verantwortlich sind: Während einer Messe brach ein Priester das Brot und fand darin Blutstropfen; das wurde zum Grundstein für das Hochfest des Leibes und Blutes Christi.



  • Immun von Philipp Dettmer

    Per Anhalter durchs Immunsystem
    Philipp Dettmer? Noch nie gehört! Den YouTube 
    Kanal „kurzgesagt – in a nutshell“ noch nie gesehen? Dann geht es dir wie mir. Durch Zufall stoße ich auf das neu erschienene Buch mit dem kurzen Titel „Immun“. Geschrieben hat es der Münchener Informationsdesigner Philipp Dettmer. Auf Social Media ist er längst kein Unbekannter. Sein Kanal zählt mittlerweile 15 Millionen AbonntenInnen.

    ‚Immun‘ ist Dettmers erstes Buch. Der Wissenschaftsblogger bezeichnet sich selbst als „einen großen Fan des Immunsystems“ und das spürt man von der ersten bis zur vierhundertzweiunddreißigsten Seite dieses Sachbuches. Es ist so unterhaltsam und spannend geschrieben, dass ich es als Wissenschaft-Krimi bezeichnen möchte.

    „Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf und du fühlst dich nicht gut. Nervige Halsschmerzen, laufende Nase, leichter Husten“. So beginnt Dettmer sein Werk und der/die geduzte LeserIn möchte wissen, wer den im Folgenden beschriebenen Kampf letztendlich gewinnen wird: „Die Eindringlinge“, Bakterien, Viren. Parasiten oder das „unsichtbare Killerheer“ (Komplementärstem), die „Mordspezialisten“ (Killer-T-Zellen) , die „Scharfschützen“ (Antikörper) und weitere Superwaffen, die deinem Körper bei Angriffen aus der Umwelt zur Verfügung stehen.

    Nach und nach nimmt Dettmer dich mit auf Entdeckungstour durch dein angeborenes und adaptiertes Immunsystem und stellt dir die Zellen deines Abwehrsystems so plastisch vor, dass du schon nach ein paar Kapseln das Gefühl hast, über die „gruseligen Typen“ in dir (Killerzellen), deine körpereigenen Killer-Universität (Thymus) und die Karrierewege deiner B-Zellen genau Bescheid zu wissen.

    Dabei schreckt der Autor auch nicht davor zurück, dir äußerst komplexe Zusammenhänge plastisch vor Augen zu führen. Das macht er indem er zum Beispiel die Funktion des sogenannten MHC-Moleküls der Klasse II (Haupthistokompatibilitätskomplex) anschaulich als „Hotdog-Brötchen“ bezeichnet. Das MHC-Molekül ist das Brötchen, das Antigen der Hotdog.

    Schön und gut beschrieben, aber du gehörst eher zu den visuellen Typen? Auch diese kommen in „Immun“ voll auf ihre Kosten. Philipp Laibchen, Chef-Kreativdürektor des bereits erwähnten YouTube-Kanals steuert 44 farbige Illustrationen bei, auf denen die multiplexe Welt unseres beeindruckenden Immunsystems bunt zur Geltung kommt.

    „Immun“ ist unterhaltsam und lehrreich: Für alle, die gerade in Zeiten einer Pandemie wissen wollen, wie das Immunsystem funktioniert, wie Impfungen wirken oder was bei Autoimmunerkrankungen falsch läuft. Aber auch für diejenigen, die bereits über ein gewisses Vorwissen verfügen, aber ihre Kenntnisse in der Immunologie auf den neusten Stand bringen möchten.
    23.2.2022

  • Das Black History Buch von Paula Akpan, Mireille Harper, Keith Lockhart, Tyesha Maddox, Raphael Njoku, George Swainston, Robin Walker, Jamie J. Wilson, David Olusoga, Ciani-Sophia Hoeder, Luke Pepera

    Wir waren alle Afrikaner – „Afrika ist nicht nur die Wiege der Black History, sondern der gesamten Menschheitsgeschichte.“ Black History beginnt mit dem ersten Menschen überhaupt (vor 315000 Jahren in Jebel Irhoud in Marokko), erzählt von den Königreichen Malis und Benins, der furchtbaren Sklaverei, der Entkolonialisierung und dem Jahr 1960, in dem 17 afrikanische Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärten. Die elf AutorInnen und ihre wissenschaftlichen BeraterInnen schreiben darüberhinaus über die Black Movements in Brasilien, Frankreich und Deutschland und berichten über die weltweiten Antirassismus-Kampagnen der Gegenwart. Besonders interessant: Ein Verzeichnis von Personen und Bewegungen, von der Beachy Head Lady, einer der ersten afrikanischen Frauen, die im 3. Jahrhundert in England lebten bis zur beeindruckenden nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die erst 1977 geboren wurde. Ein super interessantes und umfangreiches Buch, das ich nicht in einem Zug durchlese, sondern immer wieder zur Hand nehme, um ein weiteres Kapitel zu verschlingen.

  • Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen von Thor Hanson

    Warum sollten wir uns für den Wohlfühlbereich von Wüsteneidechsen oder die Anzahl von Sonnenblumen-Seesternen interessieren? Die Antwort darauf liefert Thor Hanson in ‚Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen. Er erzählt Geschichten, die er selbst als Biologie-Student, Naturforscher oder Vater eines neunjährigen Sohnes erlebt oder von denen er durch den Austausch mit anderen WissenschaftlerInnen zu berichten weiß. Bei mir ist ihm gelungen, was er mit diesem Buch am erreichten wollte: Mit Aha-Erlebnissen über die Folgen des Klimawandels zum Handeln anzuregen