Kategorie: Afrika

  • Kleines Land von Gaël Faye

    Gaël Faye ist seit Kurzem einer meiner Lieblingsautoren. Dabei ist Kleines Land  erst der zweite Roman, den ich von ihm gelesen habe – es war der Debütroman des 1982 in Burundi geborenen Autors und Sängers.

    Fayes Sprache und Schreibstil finde ich einzigartig. Er schreibt so authentisch, klar und leicht und gleichzeitig eindringlich und wahrhaftig. Großartig!

    Am besten spiegeln das Auszüge aus dem Buch wider. Der erste stammt aus dem Prolog, der zweite aus dem letzten der 31 Kapitel.

    „Ich weiß wirklich nicht, wie die Geschichte angefangen hat. Dabei hat Papa uns das mal im Pick-up erklärt. ‚In Burundi ist es wie in Ruanda, versteht ihr? Da leben drei verschiedene Gruppen, Ethnien heißt das. Hutu gibt es am meisten, die sind klein und haben eine dicke Nase.‘ ‚Wie Damatien?‘, habe ich ihn gefragt. ‚Nein, der ist Zairer, das ist etwas anderes. Wie unser Koch Prothé zum Beispiel. Dann gibt es noch Pygmäen, die Twa. Aber das sind so wenige, dass wir sie vernachlässigen können, sagen wir mal, die zählen nicht. Und dann gibt es die Tutsi, wie eure Mama. Die sind viel weniger als die Hutu, groß und dünn und mit schmaler Nase, und man weiß nie, was sie denken. Du zum Beispiel‘, hat er gesagt und dabei mit dem Finger auf mich gezeigt, ‚du bist so ein typischer Tutsi, Gabriel, bei dir weiß man auch nie, was dir durch den Kopf geht.’“

    „Der Krieg in Bujumbura hatte sich verschärft. Die Anzahl der Opfer war so groß geworden, dass die Lage in Burundi als Schlagzeile in den internationalen Nachrichten auftauchte. Eines Morgens fand Papa im Rinnstein vor Francis‘ Haus die Leiche des gesteinigten Prothé. Das war doch nur ein Boy, sagte Gino, warum ich denn weinte? Als die Armee Kamenge angriff, verlor sich die Spur von Donation. Ob er auch getötet wurde? Oder aus dem Land floh wie so viele andere, im Gänsemarsch, eine Matratze auf dem Kopf, ein Bündel in der einen Hand, die Kinder an der anderen, Ameisen in einem Menschenmeer, das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts die Straßen und Pisten Afrikas überflutete? Ein aus Paris gesandter Minister kam mit zwei Flugzeugen nach Bujumbura, um die französischen Staatsbürger einzuholen. Von einem Tag auf den anderen wurde die Schule geschlossen. Papa schrieb Ana und mich auf die Ausfliegerliste.“

    Faye, Gaël (2019). Kleines Land. München: Piper Verlag. 223 S.

  • Issa von Mirrianne Mahn

    Marrijoh wird 1903 in Enanga, Kamerun, geboren. Sie ist die Ururgroßmutter der Ich-Erzählerin Issa, die 2006 in der fünften Schwangerschaftswoche in ein Air-France-Flugzeug steigt, das sie nach Duala bringen wird. Zu dieser Reise hat sie ihre Mutter gedrängt, um vor der Geburt ihres ersten Kindes einige Rituale abzuschließen, die – so die starke Mutter – eine Frau vor der Geburt ihres ersten Kindes unbedingt abschließen müsse.

    Und so nimmt Mirrianne Mahn ihre Leserinnen und Leser mit nach Kamerun. In einem Kapitel erfahren wir, was Issa 2006 in ihrem zentralafrikanischen Geburtsland erlebt, denkt und fühlt; im folgenden Kapitel reisen wir zurück in das Leben ihrer Vorfahrinnen in der von den Deutschen unterdrückten Kolonie Kamerun und die Auswirkungen der beiden Weltkriege auf das Land, das 1960 seine Unabhängigkeit erlangte. Nach dem Ersten Weltkrieg ging Kamerun in den Besitz des Völkerbundes über, der ein Mandat zur Verwaltung des Landes an Frankreich und Großbritannien vergab. Daher hat Kamerun bis heute mit Französisch und Englisch zwei Amtssprachen, neben dem kamerunischen Pidgin-Englisch und Camfranglais.

    Mir gefiel nicht nur Mirriane Mahns flüssig-lockerer Schreibstil sehr gut, sondern auch die Geschichte ihrer Protagonistin sowie die ihrer Ahninnen – mit, so nehme ich an, starken autobiografischen Zügen – haben mich in den Bann gezogen. Ein sehr lesenswerter Roman.

  • Jacaranda von Gaël Faye

    In Frankreich ist dieser Roman bereits 2024 erschienen. Der Autor Gaël Faye wurde für Jacaranda mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet. Ich habe gestern Nachmittag die ersten Seiten dieses Buches, das nun auch auf Deutsch erschienen ist, gelesen und keine vierundzwanzig Stunden verstreichen lassen können, ohne es zu Ende zu lesen.

    Jacaranda sollte mit allen Literaturpreisen ausgezeichnet werden, die diese Welt zu bieten hat; das Buch sollte in jedem Schulcurriculum stehen. Ich bin zutiefst erschüttert und habe nach der Lektüre eine Ahnung davon bekommen, welche Gräueltaten Menschen wie du und ich begehen können.

    Durch seinen Ich-Erzähler Milan, der Stück für Stück die Geschichte des mütterlichen Teils seiner Familie erfährt, nimmt die Leserin/der Leser Anteil am Genozid an den Tutsi in Ruanda und Burundi und lernt zu begreifen, welche Auswirkungen der Völkermord auch auf die nach 1994 Geborenen hat. Gleichzeitig schafft Gaël Faye es durch seine Romanfiguren, große Zuversicht zu vermitteln. Diese lässt hoffen und gibt eine erleichternde Gewissheit, dass wir Menschen eine fast unmenschlich wirkende Fähigkeit entwickeln, trotz grausamster Erlebnisse diese aufzuarbeiten, weiterzuleben, zu vergeben und zu lieben.

    Ein großartiger Roman.

  • Kind Nr. 95 von Lucia Engombe

    Vietnam, Kuba, Namibia und Mosambik waren die sozialistischen Brüderstaaten der DDR. Um den Kampf der SWAPO (Party of Namibia, ehemals South-West Africa People’s Organisation) für die Unabhängigkeit von Südafrika zu unterstützen, wurde Lucia Engombe als siebenjähriges Mädchen völlig überraschend und ohne ihre Eltern und Geschwister in die DDR ausgeflogen. Dort lebte sie in einem Schloss in Bellin, Mecklenburg-Vorpommern, zusammen mit weiteren Kindern aus Namibia. Die 80 Kinder sollten im sozialistischen Deutschland zur „neuen Elite“ des unabhängigen Namibias herangezogen werden.

    Im November 1989 finden in Namibia freie Wahlen statt. Die Wahlbeteiligung beträgt 97 Prozent: Die SWAPO gewinnt 57 Prozent der Stimmen. Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Im darauffolgenden Sommer werden 425 namibische Kinder aus der DDR zurück nach Namibia geflogen. Lucia Engombe – Kind Nummer 95 – kommt zurück in ein Land, das sie kaum kennt. Auch ihre Mutter und ihre Geschwister sind ihr fremd. Sie macht Abitur an der Deutschen Oberschule in Windhoek und macht sich als junge Frau auf die Suche nach ihrem Vater. Dieser, so hatte man ihr in der DDR immer wieder gesagt, habe die SWAPO verraten und sei tot.

    Offen und detailliert vermittelt Lucia Engombe in „Kind Nr. 95“ Einblicke in ihr Leben als Kind und Jugendliche in der DDR und Namibia. Am Ende des Romans, der nahezu einem Tagebuch gleicht, zeichnet die Autorin die sich kreuzenden „Schicksalslinien“ des deutschen und namibischen Volkes von 1883 bis 2005 nach.

  • Die erste Frau von Jennifer Nansubuga Makumbi

    ‚Die Hexe‘, so hat Jennifer Nansubuga Makumbi das erste Kapitel ihres 527 Seiten starken Romans betitelt. Kirabo Nnamiiro, die Heldin, sucht die fast blinde Frau auf, da sie die einzige zu sein scheint, die ihr helfen will, ihre Mutter zu finden. Das ist der Anfang dieser grandios erzählten Lebens- und Familiengeschichte, die in der 1970er Jahren in Uganda spielt – während des gewaltsames Regimes von Idi Amin. Ihren Roman ‚Die erste Frau‘ hat die Autorin ihren Großmüttern gewidmet.

  • Baking Cakes in Kigali von Gaile Parkin

    Angel Tungaraza, eine Frau in Kigali, backt. Sie führt ein kleines Geschäft in Ruandas Hauptstadt, verkauft Kuchen und Torten an ihre Kunden und hört viele Geschichten, die sie ihr erzählen. Erschienen ist ‚Banking Cakes in Kigali‘, im Jahr 2009, nur 15 Jahre nach dem verheerenden Völkermord in dem kleinen Land südlich der Sahara. Zwei Jahre später fiel mir das Buch in die Hände und ich habe es in den Ferien in einem Rutsch gelesen.

  • Schaut, wie wir tanzen von Lëila Slimani

    Der zweite Teil der Romantrilogie von Leïla Slimani . Das Leben in Casablanca, Rabat und auf dem marokkanischen Land Ende der 60ziger, Anfang der 70ziger Jahre. Und jetzt: Warten auf Band III. 📘😃

  • Das Black History Buch von Paula Akpan, Mireille Harper, Keith Lockhart, Tyesha Maddox, Raphael Njoku, George Swainston, Robin Walker, Jamie J. Wilson, David Olusoga, Ciani-Sophia Hoeder, Luke Pepera

    Wir waren alle Afrikaner – „Afrika ist nicht nur die Wiege der Black History, sondern der gesamten Menschheitsgeschichte.“ Black History beginnt mit dem ersten Menschen überhaupt (vor 315000 Jahren in Jebel Irhoud in Marokko), erzählt von den Königreichen Malis und Benins, der furchtbaren Sklaverei, der Entkolonialisierung und dem Jahr 1960, in dem 17 afrikanische Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärten. Die elf AutorInnen und ihre wissenschaftlichen BeraterInnen schreiben darüberhinaus über die Black Movements in Brasilien, Frankreich und Deutschland und berichten über die weltweiten Antirassismus-Kampagnen der Gegenwart. Besonders interessant: Ein Verzeichnis von Personen und Bewegungen, von der Beachy Head Lady, einer der ersten afrikanischen Frauen, die im 3. Jahrhundert in England lebten bis zur beeindruckenden nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die erst 1977 geboren wurde. Ein super interessantes und umfangreiches Buch, das ich nicht in einem Zug durchlese, sondern immer wieder zur Hand nehme, um ein weiteres Kapitel zu verschlingen.

  • Meine Schwester, die Serienmörderin von Oyinkan Braithwaite

    Ayoola und Korede – zwei ungleiche Schwestern in Lagos. Skurril, unterhaltsam und spritzig. Die New York Times bezeichnet den Debutroman von Oyinkan Braithwaite als „böse funkelnd“. Das trifft‘s genau, finde ich. 

  • Nachleben von Abdulrazak Gurnah

    Ein bewegender Roman von Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah über die Lebenswege von Ilyas und Hamza, zwei jungen Männern, die sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Askari, der kaiserlichen Schutztruppe im damaligen Deutsch-Ostafrika, anschließen.

  • All das zu verlieren von Leïla Slimani

    Leïla Slimani beschreibt in „All das zu verlieren“ (im Original: „Dans le jardin de l‘ogre“) die tragische, sexuelle Obsession Adèles, einer jungen Journalistin in Paris, der die Kontrolle über ihr Leben entgleitet. Abgründig, tiefgehend, voller Spannungen, empfehlenswert.

  • Wünschen von Chukwuebuka Ibeh

    Seit 2014 sind in Nigeria Treffen von Homosexuellen ebenso verboten, wie gleichgeschlechtliche Küsse, Sex oder Eheschließungen. Es droht eine bis zu 14jährige Gefängnisstrafe und in den nördlichen Bundesländern sogar die Todesstrafe durch Steinigung. Das Inkrafttreten dieses menschenverachtenden Gesetzes erlebt Obiefuna in dem Roman ‚Wünschen‘ von Chukwuebuka Ibeh als junger Student. Chukwuebuka Ibeh (geb. 2000) schreibt mit beeindruckender Intensität und Authentizität.