Schlagwort: Fiktion

  • Identitti von Mithu Sanyal

    Kali ist eine Göttin. Im Hinduismus ist sie es, die Altes zerstört, um Platz für Neues zu schaffen.

    Nivedita Amend veröffentlicht Blogs als Mixed-Race Wonder-Woman und lässt sich von ihren Followerinnen und Followern Identitti nennen. Und: Sie hat einen heißen Draht zu Kali. Die schwarze Göttin mit dem Rock aus abgerissenen Armen und die Studentin aus Düsseldorf stehen in stetem Austausch miteinander.

    Nivedita verehrt ihre Professorin Saraswati, bei der sie Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie studiert, zutiefst. „Charismati Saraswati“, wie ihre Studentinnen und Studenten sie nennen, besticht durch ihren Charme, ihre scharfe Zunge und ihre Intelligenz.

    Doch plötzlich verändert sich alles. Saraswati has canged her colour. She’s no PoC – People of Colour. Innerhalb eines Tages liefert Niveditas Netzrecherche „Saraswati, weiß“ vierundachtzigtausend Ergebnisse: „Skandal um Postkolonialismus-Star-Professorin“ (Huffington Post vor drei Stunden), „Professur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen“ (SPIEGEL ONLINE vor einer Stunde), „Falscher Guru an Düsseldorfer Universität“ (taz vor 44 Minuten). Niveditas Welt zerbricht, ihre Identität wird infrage gestellt – Zeit für Neues!

    Ein Roman, in dem jedes Kapitel neue Herausforderungen, Gedankensprünge und Erkenntnisse für Leserinnen und Leser bereithält. Schnell, quirlig, vielschichtig und multiperspektivisch – keine leichte Lektüre, aber eine sehr spannende und interessante.


  • Der kleine buddhistische Mönch /Wie ich Nonne wurde /Was habe ich gelacht von César Aira

    Drei skurrile Kurzromane überraschen Leserinnen und Leser in dieser Ausgabe der Büchergilde Weltempfänger. Der erste handelt von einem – in wahrsten Sinne des Wortes – kleinen Mönch in Südkorea, der sich nichts sehnlicher wünscht, als seine Heimat zu verlassen. Sein Fernweh zieht ihn nach Europa oder Amerika. Doch es kommt anders: „Vor einem großen Hotel, an dem, in seine Träumereien versunken, der kleine buddhistische Mönch vorbei spazierte, wäre er fast von einem Ehepaar zertrampelt worden, als dieses, von der Drehtür hinauskatapultiert, auf die Straße trat.“ Als der kleine Mönch das Ehepaar auf Französisch mit einander sprechen hört, ergreift er seine Chance auf die Verwirklichung seines langersehnten Traums und nimmt mit einem forschen „Moi, je parle français“ Kontakt mit dem Paar auf, wird dessen Fremdenführer und damit beginnt eine kuriose und surrealistische Entdeckungstour.

    Die zweite Erzählung spielt in Rosario, Argentinien. Ein Vater lädt seine sechsjährige Tochter auf eine Kugel Erdbeereis in eine Eisdiele ein. Mit dieser nur scheinbar banalen Begebenheit und einem furchtbar schmeckendes Erdbeereis beginnt diese absurde Geschichte, gefolgt vom gewaltsamen Tod des Eismannes in einem Erdbeereiskübel. Dieses Schicksal wird Jahre später auch die Ich-Erzählerin ereilen…

    Die dritte Geschichte von César Aira, der als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Autoren der Gegenwart gilt, habe ich mir – nach so viel Skurrillität – für später aufgehoben.

  • Der Pfau von Isabel Bogdan

    Mervyn kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum Liz so sauer auf ihn ist. Mervyn ist ein gut erzogener Jagdhund – benannt nach dem ehemaligen Vorsitzenden der Bank of England – und Liz, eine Investmentbankerin, sein Frauchen. Zudem ist Liz die Chefin von Andrew, Jim, David und Bernard. Zusammen mit Psychologin Rahel und Köchin Helen hat die Gruppe aus London für ein Wochenende den Westflügel des Anwesens von Lord und Lady McIntosh angemietet. Ein intensives Teamtraining in den schottischen Highlands soll die Zusammenarbeit der vier Investmentbanker und ihrer Chefin weiter optimieren.

    Mit einer großen Portion Ironie und Humor beschreibt Isabel Bogdan die unerwarteten Ereignisse des Wochenendes auf dem Landsitz von Hamish und Fiona McIntosh. Dabei charakterisiert sie nicht nur das Ehepaar des schottischen Landadels und ihre Besucher aus der Hauptstadt auf einfühlsame und äußerst plastische Weise, sondern spiegelt darüber hinaus auch die Empfindungen diverser Säugetiere und Vögel wider, die in dieser amüsanten Geschichte eine ebenso große Rolle spielen. Dabei bringt ein Pfau durch sein außergewöhnliches Verhalten die ganze Chose erst ins Rollen…

    Dieses Buch habe ich mit großem Amusement fast in einem Stück durchgelesen. Eine höchst unterhaltsame Lektüre, die mich oft schmunzeln und häufiger laut lachen ließ.

  • Das Geschenk von Gaea Schoeters

    Bundeskanzler Hans Christian Winkler sorgt sich um seine Wiederwahl. Zufrieden überfliegt er eines morgens einen Artikel auf der Titelseite einer Tageszeitung. Sein Elfenbeingesetz wurde vom Bundestag mit deutlicher Mehrheit verabschiedet: Die Bedingungen für den Import exotischer Jagdtrophäen sind nun verschärft und der Kanzler weiß, dass er mit dem Schutz bedrohter Tierarten in der Gunst der Wählerinnen und Wähler steigt. Was er noch nicht weiß: In Berlin sind die Elefanten los – genauer gesagt 20.000 afrikanische Elefanten, ein Geschenk des botswanischen Präsidenten.

    Mit diesem ‚Paukenschlag“, wie Gaea Schoeters das erste Kapitel ihres Romans betitelt, beginnt dieser 138 Seiten starke Roman. Es folgen ‚Verzweiflung‘, ‚Veränderung‘ und ‚Verrat‘. Fulminant geschrieben, voller hervorragend beobachteter Details über Fauna, Flora, Politik, Gesellschaft und menschlichem Verhalten, hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen. Unbedingt lesenswert und hoch aktuell!

  • Der Markisenmann von Jan Weiler

    Ronald Papen verkauft Markisen für Balkone im Ruhrgebiet. Genauer gesagt hat er dreitausendvierhundertundsechs Markisen im Angebot – in zwei Designs: Das Modell ‚Kopenhagen‘ besticht durch neongrüne Grundfarbe mit gelben, geometrischen Mustern, während ‚Mumbai‘ mit braunen, gelben und orangefarbenen Farbverläufen überzeugt.

    In den Sommerferien 2005 erhält der in einer Fabrikhalle lebende Einzelgänger Besuch: Seine Tochter Kim, die er bisher nicht kennengelernt hat, begleitet ihn auf seinen Verkaufsfahrten durch Recklinghausen, Herne oder Essen. Die Fünfzehnjährige bringt frischen Wind in die Haustürgeschäfte ihres Vaters – und es entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden.

    ‚Der Markisenmann‘ ist ein unterhaltsamer Roman, eine Vater-Tochter-Geschichte und zugleich eine Erzählung aus der jüngeren deutsch-deutschen Vergangenheit.

    Danke für den Tipp, liebe Manon!

  • No way home von T.C. Boyle

    „Als seine Mutter starb, hatte er Dienst.“Mit diesem lapidaren Satz beginnt T.C. Boyles jüngster Roman. Er ist Terrence, genannt Terry, ein junger Assistenzarzt in Los Angeles. Sobald es seine Arbeit im Krankenhaus zulässt, macht sich Terry auf nach Boulder City, dem Provinzkaff, in dem seine Mutter lebte und ihm ein Haus und einen Hund hinterlassen hat. In einem Lokal bestellt er sich einen Scotch, Fish and Chips und lernt Bethany kennen. Diese zieht in das Haus seiner Mutter und kümmert sich um Daisy, den Hund. Und dann gibt es noch Jesse, Bethanys Ex. Eine skurile Dreierbeziehung nimmt ihren Anfang und steuert auf ein ziemlich böses Ende zu.

    T.C. Boyle ist seit vielen Jahren einer meiner Lieblingsautoren. Ich finde, er schreibt grandios gut. Auch diese wüste Geschichte…

  • Eine Kiste explodierender Mangos von Mohammed Hanif

    Wie kam es zu diesem Flugzeugabsturz im August 1988 bei Bahawalpur, in der pakistanischen Wüste? Dieser Frage widmet sich Mohammed Hanif in seinem ersten Roman ‚Eine Kiste explodierender Mango‘ auf höchst unterhaltsame und satirische Weise. Hanf, geboren 1965, war Pilot in der pakistanischen Luftwaffe, bevor er Journalist wurde und Theaterstücke und Drehbücher schrieb. Flugzeugabstürze sind immer tragisch. Bei dem oben beschriebenen ist die Ursache ungeklärt. An Bord der ‚Pak one‘ sitzen hochrangige Militärs – pakistanische und amerikanische – sowie Zia ul-Haq, der damalige pakistanische Militärdiktator. Nur einer überlebt die Explosion und den darauffolgenden Absturz. Gleich im Prolog kommt er zu Wort: „Als die Gruppe sich dem roten Teppich nähert, der zur Gangway der Pak One führt, trete ich nach vorn. Man sieht gleich, dass ich der einzige bin, der lächelt, doch als ich salutiere und auf die Maschine zugehe, verschwindet mein Lächeln. Heute weiß ich, dass ich vor einem Haufen toter Männer salutierte. Aber in Uniform salutiert man. So ist das. Später werden Absturzexperten von Lockheed die Trümmer der Maschine zusammensetzen, um das Rätsel zu entschlüsseln, wie eine völlig intakte C-130 kaum vier Minuten nach ihrem Start vom Himmel fallen kann. Astrologen werden ihre Vorhersagen für den August 1988 hervorkramen und Jupiter die Schuld an dem Absturz geben, der die gesamte Lametta-Riege der pakistanischen Armee plus den amerikanischen Botschafter auslöschte. Linke intellektuelle werden auf das Ende einer grausamen Diktatur anstoßen und die historische Dialektik solcher Ereignisse verkünden.“

    Und welche Rolle spielen Mangos in diesem Roman? Nicht nur eine! Meine Empfehlung: Lesen!

  • The Last King of Scotland von Giles Foden

    Ein junger Arzt aus Schottland wird Leibarzt eines brutalen Diktators. ‚I did almost nothing on my first day as Idi Amin’s doctor. I had just come from one of the western provences, where I’d worked in a bush surgery. Kampala, the city, seemed like paradise after all that.‘ Aber so gechillt, wie er es in diesen ersten Sätzen des Buches beschreibt, bleibt es natürlich nicht für den jungen Arzt. Ein unglaublich spannender Roman – oder sogar Thriller.

  • Doppeltes Spiel von Frank Martinus Arion

    Dieser Roman ist 1973 erschienen und war eine Besonderheit. Warum? Weil ein schwarzer Autor auf Niederländisch ein Buch aus der Sicht schwarzer Personen geschrieben hatFrank Martinus Arion erzählt vom Dominospiel auf den Niederländischen Antillen und von vier Nachbarn, die sich jeden Sonntag treffen, um Domino zu spielen. Die Passagen, in denen der Autor die Spielzüge beschreibt, habe ich großzügig überflogen, aber die Schilderungen aus dem Leben der vier Männer und ihren Angehörigen habe ich mit Interesse gelesen.

  • Trophäe von Gaea Schoeters

    Dass Löwen dreimal mit der Schwanzspitze wackeln bevor sie angreifen und Nashörner ihre unglaublich guten aber sehr kleinen Ohren unabhängig voneinander bewegen können, wusste ich vor der Lektüre dieses Buches nicht. Überhaupt hatte ich mir um das Thema Jagen bislang wenig Gedanken gemacht. Dank Gaea Schoeters, einer flämischen Autorin, Journalistin, Librettistin und Drehbuchautoren weiß ich nun, was man unter den den „Big Five“ versteht und habe schockiert weitergelesen, als in diesem Roman die „Big Six“ thematisiert werden. In ‚Trophäen“ geht es um viel mehr als nur die Großwildjagd. Es geht um den Wechsel von Perspektiven, um Notwendigkeiten und Eigennutz, um Moral und die Folgen der Kolonialzeit.

  • Der Morgenstern von Karl Ove Knausgård

    Konnte das Buch nicht mehr zur Seite legen. 890 Seiten, eine Woche. Danke, meine liebe Jutt! 

  • Houwelandt von John von Düffel

    John von Düffel kenne ich aus unserer gemeinsamen Schulzeit auf der Cäcilienschule in Oldenburg. Jetzt schätze ich ihn als Autor wasseraffiner Romane. Houwelandt habe ich mit höchstem Genuss gelesen. Schreib bitte weiter, John!