Schlagwort: Büchergilde Gutenberg

  • Issa von Mirrianne Mahn

    Marrijoh wird 1903 in Enanga, Kamerun, geboren. Sie ist die Ururgroßmutter der Ich-Erzählerin Issa, die 2006 in der fünften Schwangerschaftswoche in ein Air-France-Flugzeug steigt, das sie nach Duala bringen wird. Zu dieser Reise hat sie ihre Mutter gedrängt, um vor der Geburt ihres ersten Kindes einige Rituale abzuschließen, die – so die starke Mutter – eine Frau vor der Geburt ihres ersten Kindes unbedingt abschließen müsse.

    Und so nimmt Mirrianne Mahn ihre Leserinnen und Leser mit nach Kamerun. In einem Kapitel erfahren wir, was Issa 2006 in ihrem zentralafrikanischen Geburtsland erlebt, denkt und fühlt; im folgenden Kapitel reisen wir zurück in das Leben ihrer Vorfahrinnen in der von den Deutschen unterdrückten Kolonie Kamerun und die Auswirkungen der beiden Weltkriege auf das Land, das 1960 seine Unabhängigkeit erlangte. Nach dem Ersten Weltkrieg ging Kamerun in den Besitz des Völkerbundes über, der ein Mandat zur Verwaltung des Landes an Frankreich und Großbritannien vergab. Daher hat Kamerun bis heute mit Französisch und Englisch zwei Amtssprachen, neben dem kamerunischen Pidgin-Englisch und Camfranglais.

    Mir gefiel nicht nur Mirriane Mahns flüssig-lockerer Schreibstil sehr gut, sondern auch die Geschichte ihrer Protagonistin sowie die ihrer Ahninnen – mit, so nehme ich an, starken autobiografischen Zügen – haben mich in den Bann gezogen. Ein sehr lesenswerter Roman.

  • Jacaranda von Gaël Faye

    In Frankreich ist dieser Roman bereits 2024 erschienen. Der Autor Gaël Faye wurde für Jacaranda mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet. Ich habe gestern Nachmittag die ersten Seiten dieses Buches, das nun auch auf Deutsch erschienen ist, gelesen und keine vierundzwanzig Stunden verstreichen lassen können, ohne es zu Ende zu lesen.

    Jacaranda sollte mit allen Literaturpreisen ausgezeichnet werden, die diese Welt zu bieten hat; das Buch sollte in jedem Schulcurriculum stehen. Ich bin zutiefst erschüttert und habe nach der Lektüre eine Ahnung davon bekommen, welche Gräueltaten Menschen wie du und ich begehen können.

    Durch seinen Ich-Erzähler Milan, der Stück für Stück die Geschichte des mütterlichen Teils seiner Familie erfährt, nimmt die Leserin/der Leser Anteil am Genozid an den Tutsi in Ruanda und Burundi und lernt zu begreifen, welche Auswirkungen der Völkermord auch auf die nach 1994 Geborenen hat. Gleichzeitig schafft Gaël Faye es durch seine Romanfiguren, große Zuversicht zu vermitteln. Diese lässt hoffen und gibt eine erleichternde Gewissheit, dass wir Menschen eine fast unmenschlich wirkende Fähigkeit entwickeln, trotz grausamster Erlebnisse diese aufzuarbeiten, weiterzuleben, zu vergeben und zu lieben.

    Ein großartiger Roman.

  • Der kleine buddhistische Mönch /Wie ich Nonne wurde /Was habe ich gelacht von César Aira

    Drei skurrile Kurzromane überraschen Leserinnen und Leser in dieser Ausgabe der Büchergilde Weltempfänger. Der erste handelt von einem – in wahrsten Sinne des Wortes – kleinen Mönch in Südkorea, der sich nichts sehnlicher wünscht, als seine Heimat zu verlassen. Sein Fernweh zieht ihn nach Europa oder Amerika. Doch es kommt anders: „Vor einem großen Hotel, an dem, in seine Träumereien versunken, der kleine buddhistische Mönch vorbei spazierte, wäre er fast von einem Ehepaar zertrampelt worden, als dieses, von der Drehtür hinauskatapultiert, auf die Straße trat.“ Als der kleine Mönch das Ehepaar auf Französisch mit einander sprechen hört, ergreift er seine Chance auf die Verwirklichung seines langersehnten Traums und nimmt mit einem forschen „Moi, je parle français“ Kontakt mit dem Paar auf, wird dessen Fremdenführer und damit beginnt eine kuriose und surrealistische Entdeckungstour.

    Die zweite Erzählung spielt in Rosario, Argentinien. Ein Vater lädt seine sechsjährige Tochter auf eine Kugel Erdbeereis in eine Eisdiele ein. Mit dieser nur scheinbar banalen Begebenheit und einem furchtbar schmeckendes Erdbeereis beginnt diese absurde Geschichte, gefolgt vom gewaltsamen Tod des Eismannes in einem Erdbeereiskübel. Dieses Schicksal wird Jahre später auch die Ich-Erzählerin ereilen…

    Die dritte Geschichte von César Aira, der als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Autoren der Gegenwart gilt, habe ich mir – nach so viel Skurrillität – für später aufgehoben.

  • Das Geschenk von Gaea Schoeters

    Bundeskanzler Hans Christian Winkler sorgt sich um seine Wiederwahl. Zufrieden überfliegt er eines morgens einen Artikel auf der Titelseite einer Tageszeitung. Sein Elfenbeingesetz wurde vom Bundestag mit deutlicher Mehrheit verabschiedet: Die Bedingungen für den Import exotischer Jagdtrophäen sind nun verschärft und der Kanzler weiß, dass er mit dem Schutz bedrohter Tierarten in der Gunst der Wählerinnen und Wähler steigt. Was er noch nicht weiß: In Berlin sind die Elefanten los – genauer gesagt 20.000 afrikanische Elefanten, ein Geschenk des botswanischen Präsidenten.

    Mit diesem ‚Paukenschlag“, wie Gaea Schoeters das erste Kapitel ihres Romans betitelt, beginnt dieser 138 Seiten starke Roman. Es folgen ‚Verzweiflung‘, ‚Veränderung‘ und ‚Verrat‘. Fulminant geschrieben, voller hervorragend beobachteter Details über Fauna, Flora, Politik, Gesellschaft und menschlichem Verhalten, hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen. Unbedingt lesenswert und hoch aktuell!

  • Der große Riss von Christina Henríquez

    Im Jahr 1907 sucht die Isthmische Kanalkommission „4000 tüchtige Arbeitskräfte für Panama“. Für diese „Arbeit im Paradies“ wird mit einem 2-Jahres-Vertrag, kostenloser Unterkunft und medizinischer Versorgung und 10 bis 20 Cent Lohn pro Stunde geworben. Der Aufruf zeigt Wirkung: Nicht nur aus der gesamten Karibik strömen Männer – und auch Frauen – nach Panama, um beim Bau des Kanals, der den Atlantik mit dem Pazifik verbinden soll, mitzuwirken.

    Christina Henríquez Erzählstil ist plastisch und so lebendig, dass ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen mochte. Die Autorin erzählt von Francisco Aquino, einem panamaischen Fischer und seinem Sohn Omar, von Ada Bunting, einem sechzehnjährigen Mädchen aus Barbados, von Marian und John Oswald aus Tennessee und weiteren Männern und Frauen, die in Panama leben oder dem Ruf dorthin gefolgt sind und sich weder von Gelbfieber- oder Malaria-Ausbrüchen, den harten Lebensumständen in dem gerade von Kolumbien unabhängig gewordenem Land und der Knochenarbeit beim Bau des berühmten Kanals abschrecken lassen.