Schlagwort: Biologie

  • Die Insel der Schimpansen von John Ironmonger

    Gaffa, Hootha, Nixon, Milo und wir haben gemeinsame Vorfahren. Die ersten vier, von denen dieser Roman von John Ironmonger, einem promovierten Zoologen, handelt, sind Schimpansen und Teil einer großen Schimpansenpopulation auf einer kleinen Insel vor der Küste Tansanias.

    Angel Restorick ist Profiturnerin. Sie lebt und trainiert in St. Piran an der Küste Cornwalls. An der Universität beschäftigt sie sich mit Menschenaffen, insbesondere mit Schimpansen. Diese hat sie lange Zeit in einer Primatenrettungsstation in der Nähe ihres Heimatortes intensiv beobachtet.

    Die Frage, ob die Menschenaffen und wir, die Menschen, noch mehr gemeinsam haben, als „nur“ zirka 95 Prozent unserer DNA, steht im Raum. Angels bahnbrechendste Beobachtung vertraut sie Timothy an, einem Biologen, der in Tansania forscht: „Sie reden.“

    „Vielleicht ist Reden nicht das richtige Wort. Aber wenn man das, was zwei taubstumme Menschen mit Zeichensprache machen, als Reden bezeichnet, dann …“

    „Zum Beispiel so.“ Angel schnaubte.

    „Unglücklich“, sagte Timothy. „Das bedeutet: Ich bin unglücklich.“

    „Nicht bei meinen Schimpansen. In meiner Gruppe heißt es: Ich bin hungrig.“

    „Bei meinen Schimpansen heißt hungrig das hier …“ Der Biologe machte einen Buckel und stieß ein Brummen aus. „Und Pflege mein Fell ist das.“ Er riss die Augen auf, schnalzte mit der Zunge und machte eine bürstende Bewegung mit der Hand.

    „Das habe ich nicht beobachten können“, sagte sie. „Aber das hier.“ Sie machte einen Schmollmund, wackelte mit dem Kopf und schmatzte.

    Als Turnerin ist Angel dafür prädestiniert, auf Bäume zu klettern. So wird sie Teil einer kleinen Forschergruppe auf der oben genannten tansanischen Insel. Sie beobachtet Schimpansen in freier Wildbahn und teilt sich mit ihnen den bodenfernen Lebensraum im Dschungel. Eine Vorstellung, die mich sehr fasziniert. Angels Erlebnisse mit den Menschenaffen und ihre gemeinsame Art zu kommunizieren waren ebenfalls ausgesprochen spannend zu lesen

    Später wird der Roman richtig spannend – ich las immer schneller und war froh, dass am Ende doch alles einigermaßen gut ausgeht, auch wenn einige Schimpansen und Menschen ihr Leben lassen müssen.

    Vielleicht war es zum Schluss für meinen Geschmack doch ein wenig zu viel des Guten, ganz im Sinne eines Deus ex machina. Zugegeben: Ich habe mir gewünscht, dass Angel, die Forscher, die Schimpansen und die Natur – also die „Guten“ – gewinnen und die Großwildjäger, die Superreichen und die nach Ruhm und Geld Gierigen – also die „Bösen“ – verlieren. Und so kommt es letztendlich auch. Doch das geht Schlag auf Schlag, endet tödlich und entfernt sich dadurch vielleicht zu weit von der Realität.

    Trotzdem: Ein lesenswerter Roman.

    Ironmonger, John (2026): Die Insel der Schimpansen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt. M., 415 S..

  • Eine Geschichte der Welt in 100 Mikroorganismen von Florian Freistetter & Helmut Jungwirth

    Als ehemalige Protestantin aus der niedersächsischen Tiefebene hat Fronleichnam in meinem Leben keine Rolle gespielt. Das änderte sich mit meinem Umzug nach Münster in Nordrhein-Westfalen und bedeutete, einen Feiertag mehr zu haben. Doch die religiöse Bedeutung und Entstehungsgeschichte dieses Feiertags waren mir unbekannt. Das änderte sich nach der Lektüre des Kapitels „Serratia marcescens – Feiertag dank Wunderbakterien“ in diesem Buch eines Autorenduos, mit dem mich eine sehr geschätzte Kollegin zu Weihnachten überrascht hat.

    Der Astronom Florian Freistetter und der Mikrobiologe Helmut Jungwirt stellen auf sehr anschauliche und gut verständliche Weise hundert Mikroorganismen vor. Mit dabei sind so alte Bekannte wie Bifidobacterium bifidum, das alle kennen, die sich schon einmal näher mit den Angaben auf ihrem Joghurtbecher auseinandergesetzt haben, oder der Helicobacter pylori, den man nicht im Magen haben möchte, und eben die eingangs erwähnten Keime, die ein italienischer Pharmazeut im Jahr 1819 entdeckte und nach seinem Physiklehrer benannte.

    Das Bakterium Serratia marcescens ist ubiquitär, das heißt, es kommt überall vor. Es lebt im Boden, im Wasser, an Tieren und Pflanzen und bildet, während es organische Substanzen abbaut, rötliche Farbpigmente. Und eben diese sind der Grund, warum ich mich in NRW über einen zusätzlichen freien Tag freuen konnte und warum es Fronleichnam überhaupt gibt. Serratia marcescens gedeiht nämlich besonders gut auf ungesäuertem Brot, das gerne für kirchliche Zeremonien verwendet wird. Dort produziert es rötliche Farbpigmente, die für das sogenannte „Blutwunder von Bolsena“ verantwortlich sind: Während einer Messe brach ein Priester das Brot und fand darin Blutstropfen; das wurde zum Grundstein für das Hochfest des Leibes und Blutes Christi.