Kategorie: Europa

  • Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger

    Alles bleibt im Konjunktiv. Ich war froh, die letzte Seite dieser fast ausschließlich in der Möglichkeitsform geschriebene Erzählung erreicht zu haben. Das Lesen dieses mit dem Buchpreis 2025 ausgezeichneten Romans hat mir keine Freude bereitet.

    Ein Theatermacher kommt auf die Idee, das Verschwinden zweier junger Frauen aus Leiden in den Tropen Lateinamerikas – ein Fall der ungelöst blieb – mit einer Theatergruppe vor Ort nachzuempfinden. Die Erzählerin, die als Protokollantin dieses Projekt begleitet, bietet ihre Notizen einem Auditorium dar.

    Der Text ist gespickt mit zahlreichen Zitaten – auch auf Englisch und Spanisch – und enthält ebensoviele Verweise auf literarische Werke diverser Autoren und Regisseure Walter Benjamin, Nikolai Lesskow und Werner Herzog seinen hier exemplarisch genannt. Womit wir wieder beim Konjunktiv sind…

  • Alle, außer mir von Francesca Melandri

    „Heute ist Attilio Profeti gestorben, und sein Horoskop lautet: ‚Ein schöner und erfreulicher Tag erwartet Sie.’“ Francesca Melandris Roman beginnt profan, aber er hat es in sich.

    Erzählt wird die Familiengeschichte eben jenes Attilio Profeti, der 2012 als alter Mann in Rom stirbt. Sie ist nicht nur ein über mehrere Generationen gespanntes Porträt der italienischen Gesellschaft, sondern spiegelt auch Italiens koloniale Vergangenheit in Eritrea wider. Welche Rolle hat der alte Profeti dort gespielt?

    Ein spannendes und beeindruckendes Buch!

  • Das mangelnde Licht von Nino Haratischwili

    In den 1990er-Jahren erlebte Georgien große Umbrüche: Unabhängigkeitserklärung, Kriege in Abchasien und Südossetien, bewaffnete Konflikte, den wirtschaftlichen Zusammenbruch, Armut, Bürgerkrieg und Massenflucht. Als wir das Land 2019 bereisten, war von alldem kaum noch etwas zu spüren. Stattdessen waren wir beeindruckt – fast berauscht – von der Offenheit und Schönheit Tbilisis, des Kaukasus und des Schwarzen Meeres.

    In ihrem Roman „Das mangelnde Licht“ nimmt die Theaterregisseurin und Autorin Nino Haratischwili ihre Leserinnen und Leser mit in die turbulente Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Sie erzählt die Geschichte von Keto, Dina, Nene und Ira – vier Mädchen und jungen Frauen aus vier Tbilisser Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dieses Buch hat mir die jüngere georgische Geschichte so nah und eindringlich vermittelt, dass ich es nur widerwillig aus der Hand legte. Am liebsten hätte ich die 826 Seiten in einem Rutsch verschlungen. Grandios!

  • Eine Geschichte der Welt in 100 Mikroorganismen von Florian Freistetter & Helmut Jungwirth

    Als ehemalige Protestantin aus der niedersächsischen Tiefebene hat Fronleichnam in meinem Leben keine Rolle gespielt. Das änderte sich mit meinem Umzug nach Münster in Nordrhein-Westfalen und bedeutete, einen Feiertag mehr zu haben. Doch die religiöse Bedeutung und Entstehungsgeschichte dieses Feiertags waren mir unbekannt. Das änderte sich nach der Lektüre des Kapitels „Serratia marcescens – Feiertag dank Wunderbakterien“ in diesem Buch eines Autorenduos, mit dem mich eine sehr geschätzte Kollegin zu Weihnachten überrascht hat.

    Der Astronom Florian Freistetter und der Mikrobiologe Helmut Jungwirt stellen auf sehr anschauliche und gut verständliche Weise hundert Mikroorganismen vor. Mit dabei sind so alte Bekannte wie Bifidobacterium bifidum, das alle kennen, die sich schon einmal näher mit den Angaben auf ihrem Joghurtbecher auseinandergesetzt haben, oder der Helicobacter pylori, den man nicht im Magen haben möchte, und eben die eingangs erwähnten Keime, die ein italienischer Pharmazeut im Jahr 1819 entdeckte und nach seinem Physiklehrer benannte.

    Das Bakterium Serratia marcescens ist ubiquitär, das heißt, es kommt überall vor. Es lebt im Boden, im Wasser, an Tieren und Pflanzen und bildet, während es organische Substanzen abbaut, rötliche Farbpigmente. Und eben diese sind der Grund, warum ich mich in NRW über einen zusätzlichen freien Tag freuen konnte und warum es Fronleichnam überhaupt gibt. Serratia marcescens gedeiht nämlich besonders gut auf ungesäuertem Brot, das gerne für kirchliche Zeremonien verwendet wird. Dort produziert es rötliche Farbpigmente, die für das sogenannte „Blutwunder von Bolsena“ verantwortlich sind: Während einer Messe brach ein Priester das Brot und fand darin Blutstropfen; das wurde zum Grundstein für das Hochfest des Leibes und Blutes Christi.



  • Identitti von Mithu Sanyal

    Kali ist eine Göttin. Im Hinduismus ist sie es, die Altes zerstört, um Platz für Neues zu schaffen.

    Nivedita Amend veröffentlicht Blogs als Mixed-Race Wonder-Woman und lässt sich von ihren Followerinnen und Followern Identitti nennen. Und: Sie hat einen heißen Draht zu Kali. Die schwarze Göttin mit dem Rock aus abgerissenen Armen und die Studentin aus Düsseldorf stehen in stetem Austausch miteinander.

    Nivedita verehrt ihre Professorin Saraswati, bei der sie Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie studiert, zutiefst. „Charismati Saraswati“, wie ihre Studentinnen und Studenten sie nennen, besticht durch ihren Charme, ihre scharfe Zunge und ihre Intelligenz.

    Doch plötzlich verändert sich alles. Saraswati has canged her colour. She’s no PoC – People of Colour. Innerhalb eines Tages liefert Niveditas Netzrecherche „Saraswati, weiß“ vierundachtzigtausend Ergebnisse: „Skandal um Postkolonialismus-Star-Professorin“ (Huffington Post vor drei Stunden), „Professur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen“ (SPIEGEL ONLINE vor einer Stunde), „Falscher Guru an Düsseldorfer Universität“ (taz vor 44 Minuten). Niveditas Welt zerbricht, ihre Identität wird infrage gestellt – Zeit für Neues!

    Ein Roman, in dem jedes Kapitel neue Herausforderungen, Gedankensprünge und Erkenntnisse für Leserinnen und Leser bereithält. Schnell, quirlig, vielschichtig und multiperspektivisch – keine leichte Lektüre, aber eine sehr spannende und interessante.


  • Der Pfau von Isabel Bogdan

    Mervyn kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum Liz so sauer auf ihn ist. Mervyn ist ein gut erzogener Jagdhund – benannt nach dem ehemaligen Vorsitzenden der Bank of England – und Liz, eine Investmentbankerin, sein Frauchen. Zudem ist Liz die Chefin von Andrew, Jim, David und Bernard. Zusammen mit Psychologin Rahel und Köchin Helen hat die Gruppe aus London für ein Wochenende den Westflügel des Anwesens von Lord und Lady McIntosh angemietet. Ein intensives Teamtraining in den schottischen Highlands soll die Zusammenarbeit der vier Investmentbanker und ihrer Chefin weiter optimieren.

    Mit einer großen Portion Ironie und Humor beschreibt Isabel Bogdan die unerwarteten Ereignisse des Wochenendes auf dem Landsitz von Hamish und Fiona McIntosh. Dabei charakterisiert sie nicht nur das Ehepaar des schottischen Landadels und ihre Besucher aus der Hauptstadt auf einfühlsame und äußerst plastische Weise, sondern spiegelt darüber hinaus auch die Empfindungen diverser Säugetiere und Vögel wider, die in dieser amüsanten Geschichte eine ebenso große Rolle spielen. Dabei bringt ein Pfau durch sein außergewöhnliches Verhalten die ganze Chose erst ins Rollen…

    Dieses Buch habe ich mit großem Amusement fast in einem Stück durchgelesen. Eine höchst unterhaltsame Lektüre, die mich oft schmunzeln und häufiger laut lachen ließ.

  • Das Geschenk von Gaea Schoeters

    Bundeskanzler Hans Christian Winkler sorgt sich um seine Wiederwahl. Zufrieden überfliegt er eines morgens einen Artikel auf der Titelseite einer Tageszeitung. Sein Elfenbeingesetz wurde vom Bundestag mit deutlicher Mehrheit verabschiedet: Die Bedingungen für den Import exotischer Jagdtrophäen sind nun verschärft und der Kanzler weiß, dass er mit dem Schutz bedrohter Tierarten in der Gunst der Wählerinnen und Wähler steigt. Was er noch nicht weiß: In Berlin sind die Elefanten los – genauer gesagt 20.000 afrikanische Elefanten, ein Geschenk des botswanischen Präsidenten.

    Mit diesem ‚Paukenschlag“, wie Gaea Schoeters das erste Kapitel ihres Romans betitelt, beginnt dieser 138 Seiten starke Roman. Es folgen ‚Verzweiflung‘, ‚Veränderung‘ und ‚Verrat‘. Fulminant geschrieben, voller hervorragend beobachteter Details über Fauna, Flora, Politik, Gesellschaft und menschlichem Verhalten, hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen. Unbedingt lesenswert und hoch aktuell!

  • Der Markisenmann von Jan Weiler

    Ronald Papen verkauft Markisen für Balkone im Ruhrgebiet. Genauer gesagt hat er dreitausendvierhundertundsechs Markisen im Angebot – in zwei Designs: Das Modell ‚Kopenhagen‘ besticht durch neongrüne Grundfarbe mit gelben, geometrischen Mustern, während ‚Mumbai‘ mit braunen, gelben und orangefarbenen Farbverläufen überzeugt.

    In den Sommerferien 2005 erhält der in einer Fabrikhalle lebende Einzelgänger Besuch: Seine Tochter Kim, die er bisher nicht kennengelernt hat, begleitet ihn auf seinen Verkaufsfahrten durch Recklinghausen, Herne oder Essen. Die Fünfzehnjährige bringt frischen Wind in die Haustürgeschäfte ihres Vaters – und es entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden.

    ‚Der Markisenmann‘ ist ein unterhaltsamer Roman, eine Vater-Tochter-Geschichte und zugleich eine Erzählung aus der jüngeren deutsch-deutschen Vergangenheit.

    Danke für den Tipp, liebe Manon!

  • Die Postkarte von Anne Berest

    Es ist schon einige Jahre her, dass ich ‚Suite française‘ von Irène Némirovsky gelesen habe. Nachdem ich nun ‚Die Postkarte‘ von Anne bereits nahezu in einer Woche verschlungen habe, werde ich es nochmal zur Hand nehmen.

    Anne Berests Schreibstil hat mich ebenso gefesselt, wie die Struktur, mit der sie in diesem 525 Seiten starken Roman von dem Leben ihrer Urgroßeltern, Großeltern und Eltern erzählt. Auslöser für die vielen Nachforschungen und Recherchen ist eine Postkarte, die ihre Mutter Lélia im Januar 2003 im Briefkasten findet. Die Postkarte enthält lediglich vier Vornamen: Ephraïm, Emma, Noémie und Jacques. Es sind die Namen der mütterlichen Großeltern, ihrer Tante und ihres Onkels. Alle vier wurden 1942 in Auschwitz ermordet.

    Heute habe ich, fort nach dem Lesen der letzten Seite, eine Mail an den Piper Verlag geschrieben. Unter Nennung des Titels ‚Die Postkarte‘ verspricht der Münchener Verlag, eine Empfehlung vergleichbarer Bücher zu schicken. Ich bin gespannt.

  • Das Philosophenschiff von Michael Köhlmeier

    Beim Lesen dieses Romans versuche ich mich daran zu erinnern, was ich über Lenin und die bolschewistische Sowjetunion noch weiß. Denn: In ‚Das Philosophenschiff‘ verschmelzen historische Ereignisse und die Fantasie des Autors. Die Passagierschiffe, auf denen Intellektuelle in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus Russland deportiert wurden, gab es wirklich. Anouk Perlemann-Jakob ist dagegen Fiktion. Sie ist eine der Passagierinnen, die als jungen Mädchen zusammen mit ihren Eltern auf Lenins Befehl ins Exil deportiert wird. Während die meisten anderen Passagiere nach ereignislosen Tagen auf See in Lethargie verfallen, erkundet sie nachts Decks, deren Zutritt verboten ist. Dort trifft sie auf Lenin selbst. Dieser sitzt – nach seinem Schlaganfall – hilflos im Rollstuhl. Nacht für Nacht treffen sich die beiden beiden.

    Als 100jährige Frau erzählt Anouk Perlemann-Jakob, die es als Architektin zu Ruhm und Bekanntheit gebracht hat, einem österreichischen Schriftsteller ihre Geschichte. Als sie mit ihren Erzählungen zu Ende ist, gibt sie ihm vor seiner Rückfahrt nach Vorarlberg diese Ermahnung mit auf den Weg: „Aber vergessen Sie nicht, wer Sie sind: Sie sind der, dem man glaubt, wenn er lügt, und nicht glaubt, wenn er die Wahrheit sagt.“

  • Donnerstags im Fetten Hecht & Freitags in der Faulen Kobra von Stefan Nink

    Der Protagonist, der Autor nennt ihn schlicht Siebeneisen, lebt in Nordrhein-Westfalen, genauer in Oer-Erkenschwick. Aber dort bleibt er nicht. Als er donnerstags im Fetten Hecht erfährt, dass sein Freund Schatten 50 Millionen Euro geerbt hat, verlässt er diesen Ort mit dem westfälischen Dehnungs-e und macht sich auf Bitten von Schatten auf die Suche, sieben Miterben zu finden, ohne die die Erbschaft nicht wirksam wird. Natürlich leben die Sieben in den entlegensten Regionen der Welt… In seinen Roman wird deutlich, dass Stefan Link ist ein routinierter Reisebuch-Autor ist. Er erzählt humorvoll, spannend, sehr unterhaltsam.

    ‚Freitags in der faulen Kobra‘ ist sein zweiter Roman. Als Lokalredakteur Silbereisen an einem Yogakurs in einem indischen Palasthotel teilnimmt, bittet ihn ein Maharadscha um Hilfe und Silbereisen reist wieder los. „Im Fahrwasser des großen Entdeckers führt die Suche von Tonga nach Neuseeland, Kapstadt, Hawaii und Kanada. Und während sich Silbereisen mit Straußen, Eisbären und einem kleptomanischen Buschbaby herumschlagen muss und seine Freunde Wipperfürth und Schatten ihn aus dem Teehaus Zur faulen Kobra mehr oder weniger sinnvoll unterstützen, wird im Palast des Maharadschas ein ganz anderer Plan verfolgt.“( 1. Auflage, Limes Verlag, 2024)

  • Eine Frage der Zeit von Alex Capus

    Wo liegt der Tanganikasee? Eine Suche auf Google Maps beantwortet diese Frage in Sekunden: Der Tanganikasee (Tangajikasee) ist ein schmaler, langerstreckter See in Zentralafrika. Der längste Süßwassersee der Welt verbindet Sambia, die Demokratische Republik Kongo, Burundi und Tansania. ‚Eine Frage der Zeit‘ handelt von drei Werftarbeitern aus Papenburg im Emsland. 1913, im Geburtsjahr meiner Oma, bauen sie auf der Meyer Werft ein Dampfschiff, das sie gleich nach dem Stapellauf auf der Ems wieder in seine Einzelteile zerlegen, im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. zum Tanganikasee transportieren und es dort wieder zusammensetzen. Doch mittlerweile ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Damit wird der See, dessen Ufer nun drei Kolonialmächte Gebiete ihr Eigen nennen, zu einem Kriegsschauplatz in den Tropen. Mittendrin die drei Papenburger, die von den weltpolitischen Ereignissen überrollt werden.

    Ein spannender und historischer Roman.